Drachenzauber – Kapitel 2 (Blog-Roman)

(Lesezeit etwa 14 Minuten)

Auf eigene Faust

Die rasenden Kopfschmerzen, mit denen ich aufgewacht war, konnte ich heilen, doch die Mattheit meines Körpers hielt noch an, als Everly und ich den Klassenraum betraten. Sie erlitt den gleichen Zustand, zumindest betonte sie es dreimal.
Gähnend ließ ich mich auf meinen Platz neben Adalar, dem smaragdgrünen Hüter, fallen und versuchte zu entziffern, was der Lehrer an die Tafel gekritzelt hatte: Sukkubus.
Wie treffend!
»Wo warst du gestern Abend?«, flüsterte mein Sitznachbar.
Verwundert wandte ich mich ihm zu: »Wieso?«
»Hayley und ich wollten mit dir was essen gehen«, erklärte er, »aber wir konnten dich nicht finden.«
»Du meinst Riandra und du«, erwiderte ich spöttisch.
Mein Verdruss blieb ihm nicht verborgen, während ich mir einen Blick auf ihren weißblonden Hinterkopf in der ersten Reihe erlaubte. Sofort wandte Hayley sich um, suchte nach mir zwischen den anderen Schülern.
»Sie will mit dir kommunizieren«, flüsterte Adalar und seine lindengrünen Augen deuteten auf seine Schwester.
Ich dachte nicht im Traum daran, die Blockierung meiner Aura aufzuheben. Schon gar nicht im Unterricht von Herrn Sommersang, unserem boshaftesten Lehrer, der nur darauf wartete ein Exempel an einem Unruhestifter zu statuieren.
»Gwen und Adalar«, ermahnte er uns plötzlich.
Genervt warf ich meinem Sitznachbar einen eisigen Blick zu, bevor ich mich dem Lehrer zuwandte.
»Da ihr euch mit dem Thema so gut auszukennen scheint, dass ihr bereits miteinander diskutiert, lasst die anderen doch an eurer Weisheit teilhaben – woran erkennt man einen Sukkubus?« Auffordernd blitzte Herr Sommersang uns an.
Adalar schnaubte unmerklich und kämpfte unverkennbar gegen seine aufkeimende Wut. Bevor das ganze noch schlimmere Ausmaße annahm, beschloss ich, mein neu gewonnenes Wissen preiszugeben.
»Sie sehen den Menschen sehr ähnlich. Allerdings haben sie einen blanken Schweif, in dem sehr viel Kraft steckt, Hörner und kleine Flügel – ähnlich die einer Fledermaus.«
Die Verblüffung konnte Herr Sommersang nicht verbergen und schließlich nickte er: »Das ist korrekt, schreib es an die Tafel.«
Widerwillig erhob ich mich vom Stuhl und schlurfte nach vorn, wobei mir Everlys stolzer Blick nicht entging. Mit einem halb abgebrochenen Stück Kreide kritzelte ich die erwähnten körperlichen Attribute an die Tafel, wollte daraufhin gleich wieder gehen, doch der Lehrer hielt mich dazu an die folgenden Punkte mitzuschreiben. Er befragte die Klasse und ich musste zusätzlich noch lila und purpurne Hautfarbe, sowie Dämonennägel erfassen. Besonders lange Fingernägel waren mir an dem gestrigen Exemplar nicht aufgefallen, aber so genau hatte ich auch nicht hingesehen. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Da sich niemand mehr meldete, konnte ich endlich an meinen Platz zurück.
Herr Sommersang ließ uns die Lehrbücher aufschlagen und als hätte ich es vorhergesehen, erkor er Adalar zum Vorlesen aus. Mit einer weniger enthusiastischen Stimme als sonst folgte er der Anweisung. »Der Sukkubus ist ein weiblicher Dämon. Das männliche Pendant ist der Inkubus. Diese geschlechtslose Dämonenart setzt Sexualität zur Manipulation seiner Opfer ein. Er verwandelt sich nach Belieben in die männliche oder weibliche Rolle. Seine Opfer sucht er vorzugsweise in ihren Betten heim und verkehrt mit dem Schlafenden, ohne dass jener davon aufwacht und am nächsten Tag nur die verblasste Erinnerung ähnlich eines Traums bleibt. Manche Sukkuben bringen nur Albträume. Sie ernähren sich von der Lebensenergie der Menschen. Aufgrund seines wechselnden Geschlechts ist der Sukkubus dafür bekannt seinen männlichen Opfern in Gestalt einer Frau zu erscheinen, um so seinen Samen zu rauben. In Form eines Mannes verwendet der Dämon diesen, um eine weibliche Betroffene zu schwängern. So wird der Erhalt ihrer Gattung sichergestellt. Daraus entsteht ein Wechselbalg, welches unter den Menschen Angst und Schrecken verbreiten soll. Des Weiteren gilt der Inkubus als der Stellvertreter des Teufels, der die Verantwortung dafür trägt die Seelen der sündiger nach ihrem Tod einzufangen und in die Hölle zu schaffen.«
Dieser Abriss ihrer Fähigkeiten flößte mir Angst ein und meine Augen wanderten unweigerlich zu Everly. Sie drehte sich auf ihrem Platz in der linken Hälfte des Klassenzimmers, ein paar Tischreihen schräg versetzt vor mir, um und zuckte mit den Augenbrauen. Mein Gefühl, ihr zu vertrauen und mich nicht auf ein Gespräch mit dem Sukkubus einzulassen, hatte mich nicht getäuscht.
Den restlichen Unterricht quälte unser Lehrer uns mit staubtrockenen Textpassagen aus uralten Büchern durch Artenkunde und mir fiel es schwer, die Augen offenzuhalten bei seinem monotonen Geschwafel.
Nachdem ich es irgendwie fertigbrachte, mich in der Folgestunde Auren-Lehre wachzuhalten, wollte ich mich nur noch auf den Pausenhof in einen Windstoß stellen, um wieder zu klarem Verstand zu gelangen.
Hayley, die mit ihrem schweizer Schäferhund Chesney auf dem Weg hinaus war, hielt an meinem Tisch und versperrte mir den Weg. Ihre graublauen Augen stierten mich ungläubig an, dann flüsterte sie: »Ist das wahr, dass du gestern im Refugium warst?«
Mit der Andeutung an ihr vorbeizugehen, kam ich nicht weit, da sie mir keinen Millimeter auswich, da sie noch auf meine Antwort wartete.
Der Lehrer stand noch am Pult und war damit beschäftigt, seine Unterlagen zusammenzupacken.
»Lass mich raten – Dominik hat es Velor erzählt.« Ich klemmte meine Bücher genauso demonstrativ unter den Arm, wie ich den Namen der Reinkarnation meines Bruders verwendete, und stellte mich dicht vor ihr auf.
Sie wich nicht zurück.
»Draca, er hat es deinem Bruder Draca erzählt«, verbesserte sie mich und wollte meinen Arm berühren.
Etwas zu hastig zuckte ich zurück und trat dabei rückwärts gegen einen Stuhl, der laut scheppernd über den Boden glitt.
Ich wollte nicht, dass sie mich berührte und meine Gefühle wahrnahm. Es beunruhigte sie, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Bevor Hayley nachfragen konnte, näherte Herr Sommersang sich und bat um ein kurzes Gespräch mit mir unter vier Augen.
Auch das noch!
Hayley stimmte zu und wandelte mit ihrem Hund aus der Klasse, ließ mich mit dem Lehrer allein zurück. Ungeduldig wartete ich darauf, dass Herr Sommersang sein Anliegen ausspuckte, wobei er sich alle Zeit der Welt nahm, um seine Tasche zu schließen und auf mich zuzukommen.
»Hayley und Adalar haben sich bereits während eures Aufenthalts zu Hause auf ihren Studien-Schwerpunkt festgelegt. Deine Entscheidung steht noch aus. Hast du dir mittlerweile Gedanken darüber gemacht?« Mit tadelndem Blick blieb er vor mir stehen und lullte mich in einen Hauch von Moschus ein. Daraus resultierte ich für mich, dass er zu nahe in meinen Dunstkreis getreten war und schritt so beiläufig wie möglich an ihm vorbei, um den Abstand zwischen uns zu vergrößern. Diese ständige Fragerei nervte mich, schon während meines Sonderurlaubs kamen dauernd Anfragen seitens der Schule. Dass Adalar und Hayley als die prophezeiten Drachen einen Sonderstatus an der Lichtbringer Akademie genossen, verstand sich von selbst. Wie alle Drachenwandler erhielten sie die Ausbildung der Jäger-Spezialisierung. Die Sommerferien galt den Neulingen der Lichtbringer Akademie nicht nur als Testzeit, sondern auch um herauszufinden, welcher Schwerpunkt einem besser lag. Seit Jahren hatte mich der Gedanke begeistert, mich schwerpunktmäßig als Drachenbändiger und -hüter ausbilden zu lassen. Doch seit Godric im Kampf gegen den tyrannischen Drachen Nelarias getötet wurde, sinnte ich auf Rache. Ich wollte nicht länger der Sidekick oder Heiler eines Drachen sein. Ich wollte die Biester jagen, erlegen, sie aus dem Diesseits und von allen fernhalten, denen sie schaden konnten. Die zwei Spezialisierungsmöglichkeiten für Orakel ließ ich außer Acht, denn ihre Veranlagung war mir nicht gegeben.
»Gwen?« Herr Sommersang bemerkte, dass ich abwesend war, noch immer mit der Entscheidung haderte.
»Ich schwanke zwischen Jäger und Bändiger«, erklärte ich knapp.
»Laut Direktor Goldbach hast du für beides gleichwertig Talent. Aufgrund eures bedauerlichen Trauerfalls hat die Akademie zwar auf eine Aufnahmeprüfung verzichtet. Zur Einstufung in den Studienschwerpunkt ist allerdings eine praktische Zwischenprüfung notwendig. Sollte diese unter einem bestimmten Wert liegen, würde es bedeuten, dass du die Lichtbringer Akademie wieder verlassen musst. In dem Fall müssten wir davon ausgehen, dass der Aufenthalt und die Unterrichtseinheiten zu gefährlich für dich sind und das können wir nicht verantworten.«
»Verstehe«, grummelte ich.
Unglaublich, dass sie erst behaupteten, wir würden nicht getestet werden und jetzt hatten sie es doch vor! Was sollte dieser Mist?
»Um an der Lichtbringer Akademie weiterstudieren zu können, solltest du einen Punktewert von 100 erreichen. Das wäre unterstes Niveau und damit ist nicht gewährleistet, dass du deinen gewünschten Schwerpunkt erhältst. Sollte das Komitee während deiner Prüfung zu der Auffassung kommen, dass dir ein anderer Schwerpunkt besser liegt, könnten sie das für dich entscheiden. Bei einem Wert ab 150 ist dir die Aufnahme in deinen gewünschten Studienbereich sicher.« Herr Sommersang betrachtete mich eingehend, während er sprach.
Na toll, auch das noch! Wenn ich Pech hatte, würde ein Gremium von alten Säcken, die mich gerade zwei Mal im Leben gesehen hatten, über meine Zukunft entscheiden.
Ich versuchte mir, vor ihm nichts anmerken zu lassen.
»Nehmen Hayley und Adalar auch daran teil?«, erkundigte ich mich.
Schließlich hatten sie genau wie ich die Einführungskurse der Anfänger verpasst, da wir die Zeit im Diesseits verbracht hatten.
»Drachenwandler sind grundsätzlich von der Zwischenprüfung ausgeschlossen. Weißt du das denn nicht?« Sein tadelnder Blick beinhaltete etwas Abwertendes.
Ich antwortete mit einem stummen Nicken, denn ich hatte keine Lust, mich mit falschen Antworten in Schwierigkeiten zu bringen. Herr Sommersang war bekannt dafür, die Antworten der Schüler so aufzufassen, wie es ihm gerade passte.
»Wann findet die Zwischenprüfung statt?«, wollte ich wissen.
»Am Freitag. Die Prüfungsergebnisse werden sofort bekannt gegeben, die Ernennungs-Zeremonie findet am Nachmittag statt. Hier erfahren die Studenten mit Schwank-Werten welcher Studienschwerpunkt ihnen zugeteilt wird. Bitte teile mir deine Entscheidung bis morgen mit, damit wir die entsprechende Prüfung vorbereiten können.« Er wartete auf eine Zustimmung meinerseits.
»Mach ich«, erwiderte ich und drehte mich rasch um, bevor er das Gespräch weiter ausdehnte.

Wie sollte ich mich so schnell auf eine praktische Prüfung zur Drachenjägerin vorbereiten? Und warum war es nicht ausreichend an der Ausschaltung des Teufelsdrachen beteiligt zu sein?
Das war unfair!
Immerhin war ich ein Mitglied der Gruppe, die für die Erfüllung der Prophezeiung verantwortlich war.
Es ärgerte mich, dass ich diese Prüfung ablegen sollte, wo ich doch völlig unvorbereitet war. Aber damit konnte und wollte ich mich heute einfach nicht befassen. Darüber konnte ich mir morgen noch den Kopf zerbrechen.


Es war eine Wohltat nach dem Unterricht die Schuluniform abzustreifen und mich zum Ausgehen rauszuputzen. Meinem Körper lag die vergangene Nacht noch in den Knochen, dennoch zog es mich aus irgendeinem Grund wieder ins Refugium. Es war noch nicht Abend, trotzdem trieb mich die Neugier, den neutralen Vorort der Vampirhauptstadt näher in Augenschein zu nehmen, an. Einige ältere Schüler schlenderten an dem offenen Portal neben dem Fluglandeplatz an mir vorbei und begafften mich. Es war hier nicht gang und gäbe, dass die Schüler in knappen Tops und Hosen herumliefen. Vielleicht war auch die schwarze Netzstrumpfhosen mit den kleinen Glitzersteinen too much für die zugeknöpften Lichtbringer. Für mich war es genau das, worin ich mich wohlfühlte und in dem ich am wenigsten unter den Dämonen und Fabelwesen auffiel.
Durch das Portal schimmerte das transparente Bild einer Stadt, die ich nicht kannte und ich fragte mich zum ersten Mal, wohin es führte.
Intuitiv versuchte ich hindurchzugehen, es schien geschah jedoch nichts weiter, als dass mein Körper durch das Bildnis hindurch glitt und auf der Rückseite landete.
Auf den aus Mosaiksteinen Initialen der Lichtbringer Akademie ging eine Teleportations-Plattform nieder, auf der zwei Jungen standen. Einer von ihnen war einer der Drachenwandler aus der Oberstufe. Ich konnte mich nicht an seinen Namen erinnern, hatte ihn aber schon oft mit Dominik und Draca – als er noch Draca war – herumstreifen sehen. Durch heranwinken, unterbrach ich die Unterhaltung der Jungen, die an mir vorbei und in die Einkaufspassage wollten.
»Hey… wohin führt dieses Portal?«, fragte ich.
Da sich beide angesprochen fühlten, blieben sie stehen. Der Drachenwandler, an den die Frage gerichtet war, strich sein zerzaustes blondes Haar zurück und meinte: »Nach Heilgrund.«
Obwohl ich sie noch nie persönlich besucht hatte, wusste ich es, war die Hauptstadt von Ewighain, der Zone in dem auch das Gebiet der Lichtbringer Akademie lag.
»Wieso funktioniert es nicht?«, fragte ich weiter.
»Hast du eine Erlaubnis dorthin zu gehen? Unter der Woche dürfen wir uns nicht so weit von der Akademie entfernen.« Belehrend sah mich der Freund des Drachenwandlers, der einen Kopf kleiner war, an.
Mit verschränkten Armen musterte ich ihn von oben bis unten. War er wirklich so dumm zu glauben, dass mich das gerade interessierte?
Eine weitere Plattform ging nähe der Brüstung nieder und Dominik betrat den Landeplatz. Ich hätte wissen müssen, dass sie zusammen unterwegs waren.
»Was ist los?«, erkundigte er sich.
»Sie will nach Heilgrund«, petzte sein Drachenwandlerfreund.
Dominik scannte mich von meinem gegelten Haar bis zu den Fußspitzen der halboffenen Lederboots. »Geht schon vor, ich komme nach«, sagte er zu den Jungs, ohne den Blick von mir abzuwenden.
Sie verabschiedeten sich und Dominik wartete, bis sie sich etwas entfernt hatten. Dann stellte er sich direkt vor das zwei Meter hohe Bildnis der fernen Stadt und betastete mit der Fußspitze die goldenen Mosaiksteine auf dem Boden davor.
Er fand den losen Stein, nach dem er gesucht hatte und schob ihn beiseite. Daraufhin leuchtete ein purpurfarbener Laserstrahl in die Höhe.
»Du musst dein Armband scannen, um das Portal zu aktivieren. Allerdings wird Direktor Goldbach über alle Aktivitäten informiert. Das heißt, wenn du das Portal außerhalb der erlaubten Zeiten nutzt, bekommt er es mit und du erhältst unter Umständen einen Verweis.« Er schob den Stein wieder über den Laser, bis er verschwand.
»Euch Drachen fragt doch auch niemand, wohin ihr fliegt«, beschwerte ich mich.
»Was willst du in der Stadt?«, erkundigte er sich und lockerte die Krawatte seiner Uniform.
»Mich umsehen«, behauptete ich.
Ich war nicht verpflichtet, irgendjemandem meine Pläne mitzuteilen. Der Drachenwandler aus der Oberstufe schien mit der Aussage nicht zufrieden, denn er runzelte die Stirn und seine schwarzbraunen Augen musterten mich demonstrativ. Ein Windstoß wurde über die Balustrade des Landeplatzes geweht und presste seinen rauchigen Himbeerduft ins Gesicht.
Ich drückte den Stein wieder mit dem Schuh von seinem Platz, bis der Laserstrahl hindurchdrang.
»Gwen, ich kann dich auch hinbringen«, schlug er vor, »dann sparst du dir den Ärger.«
»Ich will nicht ständig auf andere angewiesen sein«, antwortete ich und hielt mein in der Nachmittagssonne glänzendes Silberarmband über den Laser. Ein Signalton erklang und das Bildnis der Stadt vor mir, nahm im Portal schärfere Gestalt an. Ich stieg durch das fluoreszierende Abbild und fand mich an einem anderen Ort wieder. Würzige Hitze löste den frischen Wind von der hoch am Himmel fliegenden Akademie-Insel ab und legte sich wärmend auf meine abgekühlten Arme. Erstaunt tappte ich in die Mitte der schwarzen Plattform, in dessen Marmor ein goldenes Pentagramm eingelassen war. An den fünf spitzen Enden flackerten jeweils inaktive Portale, mit den Bildern anderer Orte.
Fasziniert betrachtete ich die verschiedenen Bildnisse, zu denen sie schleusten. Das Refugium war nicht dabei, doch der Durchgang aus dem ich gekommen war, führte zur Lichtbringer Akademie zurück.
»Pflöcke, Knoblauch, Weihwasser!«, rief eine Frau in der Nähe und erhaschte meine Aufmerksamkeit.
Angelockt von den geschäftigen Geräuschen des Marktes verließ ich die Zauberplattform und spähte von dem Felsvorsprung hinunter in die zwischen den Gesteinen eingelassene Gasse. Der Duft von frisch gebackenem Brot stieg aus einem Abzugsrohr, das vor einer Transportplattform aus dem Boden brach, hervor. Auf den Flachdächern des sich vor mir erstreckenden Basars reihten sich Marktstände witterungsgeschützt durch bunte Baldachins aneinander, bestückt mit Obst, Gemüse, Stoffen und allerlei Handwerkskunst. Der Duft von Gewürzen frohlockte mich zum Markt, das Rufen der vorüberziehenden alten Frau mit dem Bauchladen in der unteren Gasse, leitete mich in die andere Richtung.
Kurzentschlossen stellte ich mich auf einen Transportdeckel und scannte das Armband an dem daneben schimmernden Laser. Nach einem Signalton schloss sich die transparente Schutzkuppel über mir und der Deckel hob vom Dach ab. Ich landete auf der dafür vorgesehenen Plattform vor der Bäckerei, dessen Auslage die köstlichsten Backwaren feilbot. Passanten schlängelten sich durch den Felsengang, zwei junge Burschen drehten sich nach mir um. Sie waren wie Bauern gekleidet und braungebrannt. Mit einem genaueren Blick auf die Vorübergehenden stellte ich fest, dass sie im Allgemeinen eher schlicht, fast ärmlich angezogen waren. Die Einführungskurse, in denen Grundkenntnisse über die Örtlichkeiten und Kultur der Bewohner dieser Parallelwelt gelehrt wurden, hatte ich aufgrund meiner Trauerzeit im Diesseits verpasst. So musste ich nun aus eigenen Erfahrungen lernen.
Die alte Dame blieb stehen, als sie wahrnahm, dass ich nicht von hier war. Abwartend, als ahnte sie bereits, wonach ich suchte, schaute sie mich an und ihre faltige Oberlippe verzog sich zu einem freundlichen Lächeln.
»Hallo«, begrüßte ich sie und kam auf sie zu.
Ihr Hals war von langen Falten gezeichnet, umspielt von silbergrauen Locken. Sie war sicherlich an die 300 Jahre alt, noch nie war mir eine Lichtbringerin begegnet, der man ihre Betagtheit ansah.
»Hallo mein Kind«, erwiderte sie freundlich und zog an dem Lederriemen, der um ihren Nacken hing. Das Gewicht ihres Bauchladens hinterließ rote Striemen auf ihrer braungebrannten Haut.
Fasziniert betrachtete ich die ordentlich sortierten Phiolen und Holzpflöcke in unterschiedlichen Größen, zwischen denen Knoblauch und Rosenkränze steckten.
»Bist du diesen Sommer neu in die Lichtbringer Akademie eingetreten?«, erkundigte sie sich und angelte dabei ein Plastikbehältnis aus ihrem Sortiment, welches sie mir reichte.
Ich nickte: »Ja, das sieht man mir wohl an?«
»Oh ja, du riechst sogar noch nach Diesseits«, behauptete sie lächelnd.
Das hielt ich für unmöglich, da ich seit meiner Rückkehr bereits zweimal geduscht hatte. Ich schraubte den Verschluss auf und roch an der Flüssigkeit.
»Das ist Weihwasser, im Notfall schüttest du es dem Angreifer ins Gesicht oder kippst es ihm ins Getränk. Das macht ihn für eine halbe Minute unschädlich und du hast Zeit zu entkommen. Oder ihm einen Pfahl ins Herz zu stoßen.« Mit zittrigen Händen nahm sie den größten Holzpflock aus der Kiste und streckte ihn mir entgegen.
Das Wasser war geruchslos, ich schraubte den Deckel wieder zu und nahm den Pflock an mich.
»Was kostet das?«, erkundigte ich mich und sah an mir herunter, um einen Platz zum Verstauen des Pfahls ausfindig zu machen.
»Utensilien zur Vampirabwehr sind gratis, Kind. Solltest du was gegen Dämonen, Flüche oder Ähnliches benötigen, so komme in den Laden meines Ur-Ur-Enkels: ›Veers Mixturen‹. Gleich am Ende der Gasse.«
Sie deutete nach rechts und ich versuchte, besagtes Geschäft ausfindig zu machen, konnte aber aufgrund des lebhaften Treibens nicht viel sehen.
»Vielen Dank«, lächelte ich und schob den Pfahl in die Innenseite meines Lederstiefels. Er pikste mich zwar, passte jedoch wie angegossen hinein. Die Weihwasser-Phiole ließ ich in der Hosentasche verschwinden.
»Gern geschehen«, sie hing mir einen rosafarbenen Rosenkranz um, der farblich von meiner schwarzen Kleidung abstach, »Gott schütze dich.«
Ihre Anteilnahme und Freundlichkeit rührten mich, während sie mir mit den trüben Augen zublinzelte und dann weiter schlurfte.

Zwei Minuten darauf betrat ich den Laden ihres Ur-Ur-Enkels und inhalierte aufmerksam die penetranten Gerüche der Salben und Tränke, die auf den Regalen, welche behelfsmäßig aus alten Brettern schräg zusammengezimmert waren. Hinter dem Verkaufstresen stand ein Mann mit einem langen Vollbart und einer Brille mit runden Gläsern, die ihn ulkig wirken ließen. Er zerstampfte etwas mit dem Mörser und schaute kurz zu mir auf: »Hallo.«
»Hi. Haben Sie etwas gegen Sukkuben?«
Er stellte seine Arbeit ein und schien kurz nachzudenken. Dann fragte er: »Wurdest du befruchtet?«
Entgeistert starrte ich ihn an: »Ehh nein.«
»Es soll also zur allgemeinen Abwehr dienen«, schlussfolgerte er daraus.
Ich spielte mit dem Kruzifix meines Rosenkranzes: »Ja, nur als Vorsichtsmaßnahme.«
»Hebe die Blockierung deiner Aura auf«, forderte der Mixturenverkäufer mich auf.
Mir war zwar unklar, wozu das gut sein sollte, doch ich kam seiner Aufforderung nach. Daraufhin erschien mir seine elfenbeinfarbene Lichtbringeraura, die verziert mit goldenen Funkeln in einem neutralen Gefühlszustand gemächlich um seinen Körper pulsierte.
»Gut, das reicht mir«, erklärte er und holte eine in Plastik eingeschweißte Spritze aus einer Schachtel, »dein Jungfern-Blut ist ein wertvolles Zahlungsmittel hier in Heilgrund.«
Der orangefarbene Glanz, der meine Aura zusätzlich umgab, hatte ihm verraten, dass ich noch nie mit jemandem intim geworden war. Obwohl ich nicht auf den Mund gefallen war – so direkt von einem Fremden drauf angesprochen zu werden, erschien mir unbehaglich.
Der Verkäufer meinte: »Ich kann dir eine Salbe herstellen, aber du musst damit ins Refugium, um sie vollenden zu lassen.«
Ziemlicher Aufwand für ein Balsam.
»Wie komme ich von hier aus dorthin?«, erkundigte ich mich.
»Mit der Untergrundbahn, sie fährt alle zwanzig Minuten. Bist du soweit?« Voller Erwartung stierte er auf meine Armbeuge.
»Wie viel Blut wollen Sie dafür haben?«
»Nur eine kleine Kanüle.«

**

Zweimal war ich innerhalb des Felsenlabyrinths der Hauptstadt falsch abgebogen, einmal direkt in die Arme eines Fischereibedarfshändlers, den ich bereits am Geruch erkannt hatte. ER war so interessiert an mir, dass er mich auf eine Tasse Tee einlud, die ich mehrmals dankend abschlug, bevor ich endlich außer Sichtweite war und den Abstieg zur Untergrundbahn fand. Erfolglos suchte ich einen Schalter oder Automaten zum Ticketverkauf und erkundigte mich schließlich auf einer der beiden Plattformen bei einer wartenden Lichtbringerin, ob ich auf der Seite in Richtung des Refugiums anstand. Digitale Anzeigen oder Hinweisschilder gab es keine. Die Welt in Heilgrund tickte anders, als ich es aus dem Diesseits gewohnt war. Einfacher.
Ich erfuhr, dass die Fahrt kostenlos war und das Refugium die Endhaltestelle der Verbindung war. Die altertümliche U-Bahn knarrte und ratterte an allen Ecken und Enden, doch ich war mehr als froh, dass ich dieses Fortbewegungsmittel gefunden hatte. Die Fahrt dauerte eine gefühlte Ewigkeit und die meisten Leute stiegen an der nächsten Station, Seelenwald aus. Es ging weiter über Heilseen, Donnerschlucht, Feuerküste und an der Haltestelle von Totenruh verließen die letzten Passagiere das Abteil. Die besorgten Blicke, die sie mir zuwarfen, da ich weiterfuhr, gefiel mir nicht. Davon ließ ich mich jedoch nicht abbringen weiterzufahren und war erleichtert, als die klapprigen Waggons im Refugium quietschend auf den Gleisen zum Stehen kamen.
Die U-Bahn Station war sehr viel moderner, als die Restlichen, die ich den Weg über gesehen hatte. Hier gab es sogar Beschilderungen, elektrisches Licht, das nicht flackerte und eine digitale Anzeigetafel, die preisgab, wann die nächste Bahn losfuhr. Trotz der grellen Beleuchtung und der glänzenden Bodenfliesen verspürte ich merkwürdige Schwingungen, sobald ich ausgestiegen war. Mehrmals sah ich mich auf dem Weg zum Ausgang um, doch es war niemand zu entdecken. Vorsichtshalber drückte ich das Pflaster, welches der Verkäufer mir auf die Einstichstelle geklebt hatte, fest gegen die Haut. Nicht dass noch ein ausgehungerter Vampir meine Fährte aufnahm. Dabei war es unmöglich, da ich die Wunde längst geheilt hatte.
Die Rolltreppe – wenigstens gab es im Refugium eine, im Gegensatz zu Heilgrund – erwachte nach meinem Betreten aus dem Stillstand und schob mich aus der Dunkelheit hinauf ins Tageslicht.
Im blendenden Sonnenlicht erkannte ich schwarze Lederschuhe am Fuße der Treppe. Der dazugehörige Körper wurde von dem gleißenden Licht so eingelullt, dass ich zunächst nicht sah, wer mich beabsichtigte oben in Empfang zu nehmen.
»Du hast dir ganz schön Zeit gelassen. Fast hätte ich dir abgekauft, dass du wirklich bloß in die Hauptstadt wolltest.« Dominiks Stimme war unverkennbar und als ich von den elektrischen Stufen ein Stück näher an ihn herangeschoben wurde, erkannte ich endlich den Rest von ihm.
Er schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr, was mich zum Schmunzeln brachte.
»Hat dich jemand beauftragt, meinen Aufpasser zu spielen?«, erkundigte ich mich und ließ mich von ihm auffangen, da die Rolltreppe mich oben ruckelnd von sich stieß.
Er schüttelte den Kopf: »Mir ist langweilig.«
Insgeheim hatte ich gehofft, er hätte Draca von meinem verbotenen Ausflug erzählt und mein älterer Bruder sei zumindest besorgt genug, um mir Dominik auf den Hals zu hetzen. Doch er war aus freien Stücken hier – sehr enttäuschend.
Mit geblähten Nasenflügeln betrachtete er mich: »Warum rieche ich Blut an dir?«

Erfahre wie es weitergeht in Kapitel 3!

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