Drachenzauber – Kapitel 4 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 15 Minuten)

Ethans Vorrecht

Keuchend starrte ich durch die verdunkelte Fensterscheibe auf die Straße und betrachtete den Vampir, der mit grimmiger Miene der anrollenden Limousine hinterher sah.

Ethan hatte gar nicht erst angedeutet, sich gentlemanlike auf die Sitzbank mir gegenüber niederzulassen – genug Sitzgelegenheiten gab es in diesem prunkvollen Auto mitsamt eigenem Chauffeur allemal. Ganz selbstverständlich hatte er dicht neben mir Platz genommen und betrachtete meine zitternden Hände.

Mein Herz raste wie von Sinnen, die Anspannung brachte nun auch den Rest meines Körpers zum Zittern, als mir klar wurde, was soeben geschehen war. Ich hatte jemanden getötet.

Das Gesicht des sterbenden Vampirs brannte sich in mein Gehirn. Die trüb werdenden Augen, das Geräusch, als der Pflock sich durch seine stahlharte Brust bohrte, die in dem Moment weich wie Butter geworden war. Sein Gestank. Die Gedanken rotierten in meinem Kopf, als hätte der Wind höchstpersönlich alles durcheinandergewirbelt.

»Ich muss gestehen, dein Mut hat mich überrascht, Gwendoline«, summte seine Stimme friedlich.

Ich dachte an Godric. Er wäre keinesfalls überrascht. Aber er hatte mich auch in- und auswendig gekannt und mich nie unterschätzt.

Ich war mir sicher, mein Bruder wäre stolz auf mich gewesen.

Die Limousine fuhr um eine Ecke und der Vampir verschwand aus meinem Sichtfeld, was Ethan in den Fokus rückte. Er betrachtete noch immer meine zitternden Hände, die ich in den Schoß legte, um sie ruhigzustellen.

»Danke«, sagte ich mit einem gezwungenen Lächeln.

Er zog verwundert die Augenbrauen zusammen und nickte: »Gern geschehen.«

»Was passiert mit der Leiche? Was ist mit diesem Derek? Stecke ich in Schwierigkeiten?« Aufgewühlt sah ich durch die Heckscheibe zur Promenade zurück.

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte er mich, »Ruby kümmert sich um den toten Vampir.«

Das ungute Gefühl, welches von mir Besitz ergriffen hatte, wurde dadurch nicht besänftigt. »Die Ruby, die mich töten will?«

Amüsiert lachte er auf, präsentierte mir seine glänzenden Eckzähne, die ein bisschen länger als die eines Menschen waren. Ich zwang mich, mich von diesem anziehenden Anblick zu lösen.

»Sie wird dir nichts tun, ich habe es ihr verboten«, erklärte er schließlich.

»Das heißt mein Leben hängt von deiner Laune ab? Dann sollte ich besser nett zu dir sein.« Ich streifte ihn mit einem spöttischen Blick.

»So war das nicht gemeint. Was auch immer passiert – ich würde ihr sicherlich nicht gestatten dir ein Haar zu krümmen, nur weil sie eifersüchtig ist. Und was Derek angeht…«

Verwundert unterbrach ich ihn: »Moment mal, wieso ist sie eifersüchtig?«

Er hielt inne und schloss den Mund, nur um die Lippen zu einem Lächeln zu kräuseln. Gleichzeitig bemerkte ich, dass der Innenraum des Wagens sich mit einem würzigen Ingwer-Duft füllte.

»Offensichtlich schenke ich dir Aufmerksamkeit. Für einen Sukkubus ist es völlig normal sich ihrem Schöpfer zu verschreiben. Sie will mich für sich allein.« Der arrogante Glanz war zurück in seinen Augen, während er sich das Revers glattstrich.

Mir entglitt ein Schnauben: »Sie kann dich gerne behalten!«

»Heute Abend, wenn du im Bett liegst und verzweifelt versuchst einzuschlafen, wirst du das nicht mehr denken«, meinte er ungerührt.

»Na klar«, grinste ich abfällig.

»Ich glaube, ich habe mich noch nicht angemessen vorgestellt. Ich bin Ethan.« Er hielt mir seine Hand entgegen.

Er war genauso penetrant wie seine Dämonin zuvor. Bevor dieses Spiel ebenso ausartete wie mit ihr, schüttelte ich ihm die Hand. Unsere Berührung löste meine Anspannung.

Es war nett von ihm, sich vorzustellen, auch wenn er wusste, dass ich seinen Namen mittlerweile mitbekommen hatte.

»Wohin fahren wir?«

»Ich lasse dich raus wo du willst. Was mich betrifft, ich bin auf dem Weg zu einer Hochzeit.«

»Eine Vampir-Hochzeit?«

Er nickte. Mein Interesse war geweckt. Das klang zumindest harmonischer als die Treibjagd in der Einkaufsstraße.

»Nur für geladene Gäste. Ich glaube übrigens dein Freund Dominik wäre sehr froh, dich so schnell wie möglich wiederzusehen. Er traut den Gestalten aus dem Refugium nicht über den Weg – und seien wir ehrlich, sein Instinkt lässt ihn da nicht im Stich.«

Autsch, das war eine eiskalte Abfuhr.

»Ich wollte mich nicht selbst einladen«, stellte ich unverzüglich klar, »und Dominik ist nicht mein Freund!«

Es ärgerte mich, dass er annahm ich beabsichtigte, mich an ihn dranzuhängen.

»Nur fürs Protokoll – wenn das deine Intention gewesen wäre, würde ich dich in diesem Aufzug sicherlich nicht mitschleppen.« Ethan betrachtete mich mit angehobenem Kinn von oben bis unten.

Unbehaglich schlug ich die Beine übereinander, an dem seine stahlblauen Augen viel zu lange hängen blieben, und zupfte die Enden der Hotpants hinunter. Mit seiner verdammten Blasiertheit schaffte er es, dass ich mir binnen Sekunden in seiner Gegenwart minderwertig vorkam.

Während ich mit der Wut über ihn beschäftigt nach einer passenden Gemeinheit suchte, legte sich plötzlich seine Hand auf meinen Unterarm. Seine Berührung war angenehm kühl, durch seine Fingerspitzen sickerte der Bruchteil eines Aufschlusses über sein Gefühlsleben. Er mochte mich. Egal, wie er sich aufführte, er fand Gefallen an mir, das rieselte eindeutig durch.

Der stechende Schmerz lenkte mich von der triumphalen Erkenntnis ab, als er ganz langsam das Pflaster an der Einstichstelle vom Blutabnehmen abzog. Während ich ihn schockiert anstarrte, grinste er schief und zog unbeirrt weiter. Mit dem letzten Stück Heftpflaster riss er mir zwei Armhärchen heraus, was so sehr ziepte, dass es mir beinahe Tränen in die Augen trieb.

»An dem Ding haftet mehr Blut als an der verheilten Einstichstelle. Du willst wohl ganz Schattensang anlocken?« Er hob die Hand dicht ans Gesicht und drehte dabei die klebenden Innenseiten des Pflasters zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen. Seine Nasenflügel blähten sich und er betrachtete das blutbenetzte Objekt wenig subtil einen Augenblick zu genießerisch.

»Wollt ihr zwei lieber allein sein?«, zickte ich ihn an und riss ihm das Ding aus der Hand.

Er lachte amüsiert. Ich kugelte das Pflaster weiter zusammen und schob es in meine Hosentasche.

»Das macht es nicht besser, als könnten Vampire es dort nicht riechen«, grinste er.

Er hielt die Hand auf und streckte sie mir entgegen: »Ich zeig dir was.«

Verunsichert sah ich in seine einnehmend strahlenden Augen. Was hatte er denn jetzt vor?

Ich legte meine Hand in seine, was die Gefühlsverbindung wieder herstellte. Ich spürte, dass er nichts als Spaß hatte und mir gegenüber nichts Böses im Schilde führte. Gleichzeitig lullte mich sein frisch würziges Ingwer-Odeur ein.

»Das ist ja ganz süß mit dem Händchenhalten, aber ich meinte das Pflaster«, kicherte er.

Hastig zog ich meine Hand aus seiner und kam mir schrecklich doof vor. Da er mich abwartend ansah, kramte ich das Ding wieder aus der Tasche und gab es ihm zurück.

Er stierte auf den Knubbel in seiner Hand, woraufhin dieser plötzlich in Flammen aufging. Er fackelte purpurfarben und erhob sich federnd in die Luft. Für zwei Sekunden schwebte das Heftpflaster im Wageninnern, dann erlosch das Feuer und gleichzeitig verpuffte es mit den Flammen.

»Netter Vampir-Trick«, musste ich zugeben.

»Danke«, lächelte er zufrieden.

Die Limousine kam zum Stehen und Ethan stieg aus. Er hielt die Tür auf und streckte mir seine Hand entgegen.

Verwundert ließ ich mir von ihm aus dem Auto helfen und stellte fest, dass wir an der Partymeile in der Nähe des Outsiders angehalten hatten.

»Schöne Grüße an Dominik«, meinte er und deutete mit den Augen über seine Schulter.

Ich folgte seinem Blick und entdeckte meinen Schulfreund, der vor der Ausgabe eines Bistros an einem Getränk nippte und sich zwischen den sich allmählich füllenden Partygängern umsah.

»Ich bin mir nicht sicher, ob er so viel Wert darauf legt«, erwiderte ich.

Er lächelte – weder arrogant noch wertend, sondern schlicht und einfach herzlich – und stieg wieder in den Wagen.

Dominik schien mich entdeckt zu haben, denn er rief meinen Namen über mehrere Köpfe hinweg.

»Ach übrigens, ich hatte dir versprochen, dass du vor dem Einschlafen an mich denken wirst«, fiel es Ethan wieder ein, der im Begriff war die Tür von innen zuzuziehen.

Ich winkte Dominik kurz zu, um zu verhindern, dass er uns unterbrach, doch ich sah schon, dass er sich in Bewegung setzte.

»Das war wirklich eine goldige Zaubervorstellung«, gab ich absichtlich überheblich zurück, »aber ich fürchte, das bringt mich nicht um den Schlaf, Ethan.«

»Gwendoline Nachtblut, du bist wirklich unerhört«, lachte er charmant.

Wir lächelten uns einen Augenblick an und ich spürte, dass unser Humor auf der gleichen Wellenlänge lag.

Er wurde wieder ernst und sagte: »Was ich dir eigentlich mitteilen wollte, ist dass ich einen Weg kenne ihn zurückzuholen.«

»Den Vampir, den ich gepfählt habe?« Verdattert sah ich ihn an.

Warum sollte ich das wollen?

Ethan schüttelte den Kopf.

»Deinen Bruder Godric.« Er zog die Tür zu und ließ mir keine Gelegenheit, darauf zu reagieren.

Die Limousine fuhr los, während die Bedeutung seiner Aussage meine Eingeweide zusammenzog.

Dominik tauchte auf und blickte mürrisch hinter dem Auto her: »Warst du etwa mit einem Vampir unterwegs?«

In meinem Kopf drehte sich alles. Hatte Ethan gerade wirklich behauptet, er könne meinen Bruder zurückholen?

Wie von den Toten auferstehen lassen?

Zurück ins Leben?

Konnte er mir Godric wiedergeben?

***

Zum wiederholten Male fiel mir auf, dass Dominik einer Dämonin hinterher sah, die immer wieder am Tresen vorbei scharwenzelte und interessiert in unsere Richtung schaute.

Der Barkeeper, ein Typ mittleren Alters mit grauen Haarsträhnen und drei Tage Bart, schenkte uns Wodka nach und beobachtete Dominik und mich dabei genau. Mir war gleich aufgefallen, dass ihm etwas auf der Zunge lag und endlich spuckte er es aus: »Du bist Gwendoline, oder?«

Verwundert wechselten Dominik und ich einen Blick.

»Woher weißt du das?«

»Dein Name ist heute Abend in aller Munde oder besser gesagt in jedem Kopf. Die Neuigkeit geht rum wie ein Lauffeuer.« Er schob uns lächelnd die Gläser hin.

»Welche Neuigkeit?«, wollte Dominik wissen.

»Es stimmt doch, dass Ethan von Falkenstein Anspruch auf dich erhoben hat, oder?«, erkundigte er sich.

»Was? Wo hast du das denn her?« Dominik starrte zwischen uns hin und her.

»Vampire kommunizieren. Meine Freundin hat es von ihrem Freund, dessen Bruder ist mit Derek befreundet. Das ist der Vampir dem gegenüber Ethan das Vorrecht geäußert hat.« Der Barkeeper deutete mit den Augen auf ein hübsches Mädchen am, welches allein am anderen Ende des Tresens hockte, um ihm bei der Arbeit Gesellschaft zu leisten.

»Vorrecht? Was hat das zu bedeuten?« Gespannt hing ich an den Lippen des Vampirs.

»Hat er das wirklich behauptet?«, erkundigte Dominik sich mit dem besorgtesten Stirnrunzeln, das ich bei ihm je gesehen hatte.

Ich nickte. »Ja, er sagte sowas, aber ich habe angenommen das war um mich aus der Situation zu retten. Ich habe zufällig vorher einen Vampir gepfählt und dessen Freunde waren ziemlich sauer auf mich.«

»Es hat sehr wohl etwa zu bedeuten, gerade von Ethan«, pflichtete der Barkeeper mir bei.

»Tatsächlich?« Angespannt grabschte ich nach dem Glas und kippte den Wodka in einem Zug herunter.

Noch während ich trank, begann der Barkeeper zu erklären: »Wenn ein Vampir Anspruch auf dich erhebt, stehst du unter seinem Schutz. Das heißt, dass kein Vampir von dir trinken oder dich jagen darf. Ebensowenig darf ein anderer Vampir mit dir Sex haben oder eine Liebesbeziehung oder Beziehung jeglicher Art mit dir anstreben. Du bist quasi für Vampire unantastbar geworden.«

»Oh«, keuchte ich und donnerte das Glas zurück auf die Bar.

Er goss mir nach.

»Kann man das irgendwie rückgänig machen?«, wollte Dominik wissen und nippte ebenfalls an seinem Glas.

Seit Ethans Aussage über Godric war mir schummrig. Der Alkohol machte es nicht besser, aber die Entscheidung, welche er mir auferlegte, machte mich fertig. Die Hoffnung, die Ethan in mir geschürt hatte, war zu schön, um wahr zu sein.

Seine Beanspruchung war im Vergleich dazu nichts, worüber ich nachdenken musste. Schließlich schien sie für mich keinen Nachteil zu beinhalten.

»Nicht, dass ich wüsste«, lächelte der Barkeeper und ließ die Wodkaflasche gleich bei uns stehen, »entschuldigt mich.«

Er kümmerte sich um einen Pulk Gäste, die auf der gegenüberliegenden Seite an den Tresen gekommen waren. Mir fiel auf, dass einige von ihnen flüchtig zu uns rüber schauten.

»Das ist ziemlich unheimlich, findest du nicht?«, brummte Dominik.

»Diese Anspruchssache ist mir egal«, gestand ich und spülte diese Erkenntnis mit dem Restalkohol aus meinem Glas herunter.

»Achja? Was, wenn er etwas von dir will, was du nicht bereit bist ihm zu geben?« Dominik beobachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen, wie ich nach der Flasche angelte.

»Im Moment sieht es eher so aus, als würde er mir etwas anbieten, was ich unbedingt haben will.« Ich seufzte und spürte die Hitze des Alkohols, die sich in meinem Innern ausbreitete.

»Was solltest du schon von einem Vampir wollen?« Er prustete überheblich und betonte das Wort Vampir so abfällig, dass es mir zusetzte.

Mit gerunzelter Stirn sah ich ihn an: »Nicht alle Vampire sind von Grund auf schlecht!«

Er hatte bereits selbst gemerkt, dass er mit dieser Aussage in ein Fettnäpfchen getreten war, und lächelte mich mit einer gequälten Entschuldigung an: »War nicht so gemeint, Gwen.«

Ich schenkte uns aus der Wodkaflasche nach und stieß mein Glas klirrend gegen seins, wobei Dominik mich abwartend betrachtete. Ich mochte es, dass er nie aufdringlich war.

Mit einem weiteren Schluck spülte ich die Zurückhaltung herunter und öffnete mich ihm: »Er hat mir gesagt, er könnte meinen Bruder zurückbringen.«

Meine Wangen begannen zu glühen, ich war froh, dass ich es ihm gesagt hatte, und hatte gleichzeitig Angst vor Dominiks Reaktion.

Er ließ diese Information ein Weilchen sacken, nippte an seinem Glas und schaute mich dabei durchdringend an.

»Angenommen er könnte es«, begann er zögerlich, »würdest du es wollen?«

»Natürlich würde ich Godric zurückwollen!«, sprudelte es förmlich aus mir heraus.

Aufkeimende Sehnsucht führte einen Zweikampf gegen den Alkohol, der meine Glieder schwerfällig und mein Gleichgewicht unzuverlässig werden ließ.

»Apropos Bruder«, meinte Dominik auf einmal und stellte die Flasche unter den Tresen.

Aufgeschreckt von dieser Aussage drehte ich mich um.

Mein älterer Bruder Draca kam die breite Treppe in den Nachtclub hinunter, dicht gefolgt von Hayley und Adalar.

Der schwarze Drache, der weiße Drache und der smaragdgrüne Hüter. Mit ihnen hatte hier augenscheinlich niemand gerechnet, dennoch wusste sofort jeder, wer sie waren und die anwesenden Vampire, Dämonen und Fabelwesen suchten einen angemessen respektvollen Abstand zu ihnen. Draca hatte mich augenblicklich im Visier. Wie in Zeitlupe bewegte er sich mit seiner unheilvoll rot lodernden Drachenaura auf uns zu.

Hastig drehte ich mich zu Dominik, der mir ein Kaugummi in die Hand drückte und das Glas wegnahm, welches er ebenfalls auf der Arbeitsfläche hinter dem Tresen verschwinden ließ.

»Kein Wort zu ihnen über den Vampir und die Sache mit Godric«, ermahnte ich ihn.

In dem Moment fiel mir auf, dass ich Schwierigkeiten hatte, den Satz zu formulieren und unendlich lange dafür benötigt hatte.

Der Alkohol wirkte plötzlich so heftig, als hätte mich ein Zug erfasst.

Vielleicht hätte ich tagsüber etwas mehr essen sollen. Dominic, der zuvor mit mir drei Bier getrunken hatte, wirkte allerdings auch nicht viel trinkfester.

»Als ob sie das mit dem Vampir nicht schon längst wüssten«, grinste er und steckte sich selbst einen Kaugummi in den Mund, »was glaubst du, warum sie hier sind?«

Ich tat es ihm gleich und kaute schnell auf dem Minzkaugummi herum, um mit dem frischen Aroma meinen Atem zu übertünchen.

Aber wem machte ich hier etwas vor?

»Gebt euch keine Mühe, ich hab eure Fahnen längst gerochen«, knurrte Draca, der plötzlich vor uns stand.

»Wasch führt denn den schwer beschäftigten Velor insch Refugium?«, fragte ich, um seiner Anspielung keinen Raum zu geben.

Ich nutzte den Namen seiner Reinkarnation bewusst, um ihn zu provozieren. Mein Missmut über seinen plötzlichen Lebenswandel – ausgerechnet während der einschneidenden Trauerzeit – hatte ich mich bisher nicht getraut, ihm so offen zu zeigen.

»Deinem schwer beschäftigten großen Bruder Draca kam zu Ohren, dass du dich neuerdings mit einem Vampir aus Schattensang beschäftigst.« Er sah mich ernst an.

»Wasch interessiert dich das?«, fragte ich.

»Wir machen uns Sorgen um dich, Gwen«, mischte Hayley sich mit einem verträglichen Lächeln ein.

Sie versuchte, sich bei mir einzuhaken, doch ich zog mich ruckartig vor ihr zurück – ich wollte jetzt keine Berührung zulassen. Schlimm genug, dass der Alkohol es mir nicht mehr ermöglichte meine Aura zu blockieren, ich wollte nicht auch noch expliziteren Aufschluss über mein Gefühlsleben bieten. Demonstrativ heftete ich mich an Dominiks Seite, hakte mich mit beiden Armen bei ihm unter und versuchte, überlegen zu lächeln. Dabei gerieten wir beide ins Wanken und er musste sich an der Bar festhalten, um nicht mit mir seitlich wegzukippen.

Mir war klar, dass das alles andere als überlegen erschien.

»Jez hömmimal suu!«, lallte es aus meinem Mund.

Oh nein, jetzt verlor ich auch noch an Glaubwürdigkeit, weil mein Sprachzentrum mich im Stich ließ!

Der berauschende Schleier des Alkohols ließ meinen Blick schwerfällig von einem Gesicht zum nächsten wandern. Adalar war ein bisschen verschwommen.

»Ihr macht euch Sooorhen, wenni mit ein Vampirimauto mitfahre. Wahhs is mit den Typen, die mich auf der Prohe nade überfallham? Die dürfen das gar nih! Das is doch das Refu jie… Refu jieum!« Ich versuchte, empört dreinzublicken.

Der Blickwechsel zwischen Hayley und Draca blieb mir nicht verborgen.

»Darüber sollten wir uns morgen unterhalten, wenn du wieder nüchtern bist, Schwesterchen.« Draca grinste belustigt.

»Ja, da sollten wir wihrlich drüberrehn!«, stimmte ich zu.

»Wie wärs, wenn wir euch zurück in die Akademie bringen?«, schlug mein Bruder besonnen vor.

»Wir gehnallain!«, blockte ich ab.

Dominik nickte beipflichtend.

»Bist du noch flugtauglich?« Draca sah seinen Freund prüfend an.

»Jap«, antwortete der nur knapp.

Das musste ich Dominik lassen, er war schlauer als ich und hielt einfach die Klappe.

»Also schön, meinetwegen«, lenkte Draca ein und sah mich dann entschieden an, »aber nur unter der Bedingung, dass wir uns morgen nach dem Unterricht treffen und unterhalten!«

Ich kannte ihn. Das Beste war jetzt einfach zu nicken und den Deal anzunehmen. Was am nächsten Tag geschehen würde, war mir gerade herzlich egal.

»Jawoll! Gute Nacht!« Bevor mein Bruder es sich noch anders überlegte drehte ich mich um und zog Dominik mit mir.

»Dominik, seid vorsichtig!«, rief Hayley ihm hinterher.

»Dreh dich bloß nichum!«, zischte ich und gab mir Mühe, so gerade wie möglich zu laufen.

Er kicherte, was mich ebenfalls zum Gackern brachte, und wir eierten ineinander gehakt zum Ausgang.

An der frischen Luft wurde mir sofort speiübel. Trotzdem taumelte ich fest entschlossen mit ihm über den belebten Platz in Richtung Strand.

Aus dem Augenwinkel nahm ich zwei Personen wahr, die im Schatten der Nacht etwas abseits von der Partymeile standen und sich miteinander unterhielten.

»Alles in Ordnung mit dir, Gwen?«, fragte mich eine Frauenstimme.

Ich erkannte sie nicht gleich und bliebt verwundert stehen. Erst als ich die Hörner an ihrem Haaransatz entdeckte, schwante mir, dass Ruby vor mir stand. Sie war in Begleitung von dem überteuerten Portaldealer Fabri.

»Alles bestens«, antwortete ich, obwohl das freiheraus gelogen war.

Mir war so übel, dass ich mich beherrschen musste ihr nicht vor ihre hübschen Riemchen High Heels zu kotzen.

»Du bist ziemlich blass um die Nase, Vampirtochter«, stellte auch Fabri fest.

»Du bist ein Halsabschneider und du komm mir nich zu nahe, ich weiß von Ethan dass du mich umbringen willst!« Ich zeigte erst auf den Elfen und fuchtelte dann mit ausgestrecktem Finger vor der Nase der Dämonin herum.

Ruby verschränkte mit arrogantem Blick die Arme und meinte: »Mach dir keine Sorgen, jetzt wo Ethan ein Vorrecht auf dich ausgesprochen hat, hast du nichts zu befürchten – war sowieso nicht persönlich gemeint.«

»Hasdu noch wash von der Salbe?«, lallte Dominik mir ins Ohr und dämpfte den Tonfall, »ich glaube die is ein Subu..kus… äh… Kusu… buk..«

»Sukkubus!«, verbesserte sie ihn energisch.

»Ich will jetzt nahause«, beschwerte ich mich, da mir die Übelkeit zusetzte.

»Alles klar, komm mit!« Ohne die beiden weiter zu beachten, zog Dominik mich zum Strand.

»Das will ich sehen!«, kicherte Ruby hinter uns.

Es nervte mich, dass die beiden uns folgten, aber ich hatte mit dem unbeständigen Sandboden zu kämpfen und musste aufpassen, nicht hinzufallen.

»Ohhhkeh… bleib da stehn!« Dominik ließ mich los und wartete ein paar Sekunden ab, um zu überprüfen, ob ich mich eigenständig auf den Beinen halten konnte.

»Beeil dich!«, jammerte ich und atmete tief durch, um die Übelkeit mit Frischluft zu bekämpfen.

Er lief einige Schritte weiter, blieb dann auf der freien Fläche nähe des Wassers stehen und konzentrierte sich. Wenn es mir nicht so schlecht ginge, hätte ich laut losgelacht.

»Du siehsaus, als müsstest du dringend aufs Klo!«, stellte ich fest.

Er lachte los und krümmte sich dabei.

»Dein Drachenfreund ist genauso besoffen wie du. Sag mir nicht, ihr wollt so durch halb Immerherz fliegen?!« Fabri blickte kopfschüttelnd zwischen mir und Dominik hin und her.

»Pssst«, ermahnte ich ihn, damit Dominik sich konzentrieren konnte.

Endlich beruhigte er sich und machte wieder sein Toilettengesicht. Ich konnte gar nicht mehr hinsehen und starrte auf die wogenden Wellen.

»Klappt nicht, vielleicht im Laufen«, murmelte mein Schulkamerad.

Er begann sich zu bewegen, stolperte zwei Mal und fiel fast in den Sand. Dabei verwandelte er sich plötzlich in seine Drachengestalt. Mit einem unüberhörbaren Brüllen erschien vor uns die flugzeuggroße Gestalt eines Ungetüms, das sich genauso wenig unter Kontrolle hatte. Der Drache stolperte über seine Füße und obwohl er sich mit den Ausläufern seiner Schwingen im Sand abfederte, knallte er bäuchlings auf den Boden und rutschte mit der Schnauze voran ins Wasser.

Der Boden vibrierte unter seinem Gewicht so stark, dass ich mein Gleichgewicht verlor und mich an Ruby festkrallte.

Während Dominik entmutig durch die Nüstern ins Wasser schnaubte, schrie Ruby neben mir auf. Meine Berührung verätzte ihren Arm, von dem Qualm emporstieg. »Lass mich gefälligst los!«, rief sie und riss sich von mir los.

»Sorry«, lächelte ich knapp und sah dann besorgt zu Dominik, da er sich nicht mehr rührte.

»Klappt wohl doch nicht mehr?«, fragte ich.

Den Flug auf seinem Rücken zurück zur Akademie konnte ich mir abschminken.

Ich will mich nur ein bisschen ausruhen, Gwenielein‹, teilte er mir telepathisch mit und lag bewegungslos am Strand.

Ging mir auch so. Ein Windstoß trug Dominiks schwefelbehafteten Atem zu mir herüber, was mir endgültig den Rest gab. Speichel lief in meinem Mund zusammen und bevor mir klar wurde, wie mir geschah, beugte ich mich würgend vornüber und kotzte Ruby auf ihre glänzenden Plateausandaletten.

»Das passiert gerade nicht wirklich?!«, flüsterte sie und starrte auf ihre besudelten Füße.

Als mein Körper sich entkrampfte, sackte ich im Sand zusammen und fiel auf die Seite. Alles drehte sich vor meinen Augen. Ich wollte nur ganz kurz verschnaufen.

Ich dachte an das erste Mal, als Godric und ich uns heimlich betrunken hatten. Das war noch gar nicht so lange her. Stattdessen musste ich nun mit einem Drachen vorliebnehmen, der nicht halb so trinkfest war, wie mein Zwillingsbruder.
»Warum erzählst du uns das?«, seufzte Fabri, der Ruby auf dem Weg zum Wasser stützte.
Das Meer schimmerte lila, als ihre Dämonenfüße darin eintauchten.
Hatte ich die Geschichte von Godric gerade laut ausgesprochen? Ich war zu müde, um darüber nachzudenken.
»Wenn dir dein Bruder so fehlt, solltest du nach Totenruh fahren, um mit ihm zu sprechen«, meinte Ruby zickig.
Ich wusste nicht, was das bedeutet. Meine Zunge war taub und fühlte sich komisch an.

»Ich stelle dir ein Portal zur Akademie«, hörte ich Fabri sagen.

Dann schlief ich ein.

Kapitel 5 folgt in Kürze

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