Drachenzauber – Kapitel 5 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 18 Minuten)

Unter Arrest

Dominik und ich kauerten todmüde auf den harten Stühlen vor dem Schreibtisch des Schuldirektors. Er hielt uns eine Predigt über die Schulordnung, die eindeutig besagte, dass wir unter der Woche das Gelände nicht zu verlassen hatten. Schon gar nicht allein und erst recht nicht, um uns zu betrinken.

Direktor Goldbach drohte uns mit einem Schulverweis und sagte, dass er unsere Eltern darüber informieren müsse. Während er affektiert vor sich hin schwafelte, dachte ich scharf nach, wie ich überhaupt in mein Bett gekommen war.

Hast du mich gestern Nacht nach Hause gebracht?‹, erkundigte ich mich telepathisch bei meinem Leidensgenossen.

Du machst wohl Witze?‹, erwiderte er mit verschränkten Armen und schnaubte gedämpft.

Der Direktor zog die grauen Augenbrauen zusammen und hielt inne. Er beobachtete uns eindringlich und wir stellten sofort den geistigen Gedankenaustausch ein, damit unsere Mienen uns nicht verrieten. Direktor Goldbach fuhr fort, wie enttäuscht er über das Verhalten des älteren Schülers Dominik war, der als Drachenwandler ein Vorbild und Beschützer der Jüngeren sein sollte.

Ich bin klatschnass am Strand des Refugiums aufgewacht und hab immer noch Sand in der Arschritze!‹, hörte ich ihn in meinem Kopf knurren.

Ich musste mir ein Kichern verkneifen.

Warum hast du am Strand geschlafen?‹, wollte ich wissen.

Weißt du denn gar nichts mehr?‹ Dominik streifte mich mit einem Blick, woraufhin ich die Schultern zuckte.

Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war die Flasche Wodka im Outsider. Alles andere verlor sich in einem Filmriss.

Du hast auf den Sukkubus gekotzt und dein Elfenorakel hat dir ein Portal in die Lichtbringer Akademie gestellt.

Ich hab was?!‹ Ich versuchte den Reflex zu unterdrücken meine Augen weit aufzureißen.

Der Typ hat irgendwas gegen Drachen, mich haben sie jedenfalls da zurückgelassen. Ich bin heute Morgen aufgewacht, als mir eine Möwe in den offenen Mund gekackt hat!

Seine Wut war an seiner vulgären Ausdrucksweise unüberhörbar und obwohl ich Mitleid mit ihm hatte, löste die Art wie er es erzählte ein Lachen in mir aus. So sehr ich auch versuchte, es mir zu verkneifen, ich schaffte es nicht. Ich lachte prustend los und hielt mir sofort die Hände vor den Mund, um es zu verhindern.

Sowohl der Direktor als auch Dominik starrten mich ungläubig an. Keinem von beiden war nach Lachen zu Mute, wodurch es mir noch schwerer fiel mich zu beherrschen.

»Halten Sie das hier alles für einen Witz, Gwendoline?«, fragte mich der Direktor finster.

Ich schüttelte energisch den Kopf.

»Mal sehen, ob Sie das immernoch so zum Lachen finden, wenn Sie am Freitag in der Zwischenprüfung die 100 Punkte nicht erreichen. Sich an zwei Abenden hintereinander für eine Sauftour ins Refugium zu schleichen, ist jedenfalls nicht der Weg, wie man eine Spitzenbewertung erreicht. Falls Sie es noch nicht wussten – die Prüfungen sind hart. Sie erfordern Kenntnisse und Disziplin. Die Schonzeit ist vorbei. Sie haben eine Menge aufzuholen, denn durch Ihren Sonderurlaub haben Sie einiges verpasst. Wenn Sie sich jetzt nicht anstrengen, wird das mit der Zwischenprüfung nichts.« Der Direktor setzte sich an seinen Schreibtisch und tippte an seinem Laptop herum.

Mir verging der Spaß und ich ließ ehrfürchtig den Kopf sinken.

Ist das wahr, du hast noch nicht für die Zwischenprüfung gelernt?‹, vergewisserte Dominik sich.

Wieder erntete er ein Schulterzucken.

»Auf welchen Studienschwerpunkt möchten Sie sich festlegen, Gwen? Das ist hier noch nicht vermerkt.« Direktor Goldbach sah mich über den Bildschirmrand an.

Sofort hatte ich den Vampir aus dem Café im Refugium vor Augen und den Pflock, den ich ihm ins Herz gestoßen hatte.

»Drachenjägerin«, antwortete ich entschieden.

Er tippte auf dem Computer herum und meinte: »Gut, Ihre Ausrüstung erhalten Sie in der Schmiede, holen Sie sie gleich ab.«

»Ja, Herr Direktor.«

»Alle Portale außerhalb von Ewighain sind auf Ihren Armbändern deaktiviert. Das bedeutet für Sie zwei strengstes Ausgehverbot außerhalb des Schulgeländes. Verstanden?«

Wir bejahten beide.

»Da Sie sich ja ohnehin so gut verstehen, erwarte ich, dass Sie miteinander trainieren«, fügte der Direktor hinzu.

Dominik und ich sahen uns kurz gegenseitig an. Wir wussten, dass es uns hätte weitaus schlimmer treffen können.

»Gwendoline, wenn Sie vorhaben auf der Lichtbringer Akademie weiterzustudieren, würde ich vorschlagen, sofort mit dem Training zu beginnen«, riet er mir.

Damit bedeutete Direktor Goldbach uns, sein Büro zu verlassen.

Mit eingezogenen Köpfen schlurften wir hinaus. Zwei Flure später wagte ich es, Dominik wieder anzusprechen. »Hast du sowas schon mal gemacht? Mit jemandem für die Zwischenprüfung trainiert?«

»Ja«, gab er kurz angebunden zurück.

Okay, er war vielleicht ein kleines bisschen böse auf mich.

»Tut mir leid, dass du am Strand übernachten musstest.« Ich knuffte ihn in die Seite.

Endlich erweichte sein angespanntes Gesicht und seine großen Schritte, mit denen ich kaum mithalten konnte, verlangsamten sich.

»Schon gut«, gab er zurück.

»Denkst du ich schaffe es bis Freitag fit zu werden?«, fragte ich verhalten.

»Wenn wir ein Team finden, vielleicht.«

***

Die Drachenjäger-Rüstung war fester als die der Bändiger und Orakel. Während die Kampfmontur der anderen Spezialisierungen mehr auf Beweglichkeit ausgelegt war, ging es bei meiner eher um  Feuer- und Nahkampfwiderstand. Ich kam mir vor wie ein Soldat, nachdem Brust, Beine und Arme mit einem dünnen aber effektivem Metall ausgestattet worden waren. Meiner zierlichen Figur geschuldet, erschienen mir alle Teile zu groß. Sie rutschten und schoben sich in die Gelenke, was gewöhnungsbedürftig war. Das ständige Nachjustieren der Rüstung würde beim Kampf nicht besonders hilfreich sein. Die Schmiedin erklärte mir, dass die Maßanfertigungen meiner Mitschüler bereits vor Wochen in Auftrag gegeben worden waren und ich auf die Schnelle nur eine Standard-Ausrüstung erhalten konnte. Für die Herstellung einer neuen Rüstung würde sie mindestens zwei Wochen benötigen.

Als Waffen wählte ich die Armbrust, da ich weder im Speerwurf noch im Schwertkampf über ausreichend Übung geschweige denn Körperkraft verfügte.

Beim Mittagessen nahm ich demotiviert neben Everly am Tisch in der Mensa Platz, was ihr auffiel. Sie fragte gleich, weshalb ich schon den ganzen Tag so ein langes Gesicht zog.

»Ich habe heute Morgen einen Einlauf vom Direktor bekommen, inklusive Hausarrest und die Auflage mich für die Zwischenprüfung vorzubereiten, obwohl ich davon ausgegangen bin, ich wäre freigestellt. Jetzt muss ich bis Freitag fit werden und alles, was ich habe, ist eine viel zu große Rüstung und einen Drachen. Und wie war dein Tag bis jetzt?« Genervt begann ich in meinem Essen zu stochern.

»Vergiss nicht, dass dir nach der Schule noch ein Gespräch mit deinem Bruder bevorsteht«, schmunzelte Draca, der sich in dem Moment uns gegenüber an den Tisch setzte.

Everly kicherte belustigt, da ich stöhnend in vollkommener Melodramatik die Stirn auf die Tischkante fallen ließ, wodurch das Geschirr klapperte.

Das war wirklich nicht mein Tag. Das Gespräch mit Draca in dem Club hatte ich bereits völlig verdrängt. Nachdem er es mir nun wieder ins Gedächtnis gerufen hatte, flackerten plötzlich Rubys goldene Augen vor mir auf.

»Also mein Tag war ganz okay. Wir waren heute für Übungsaufgaben in Totenruh. War ziemlich gruselig da.« Everly strich mir über den Rücken und erlaubte sich, ihre Lichtbringer-Kräfte auf mich wirken zu lassen, nur gerade so viel, dass ich mich nicht mehr so niedergeschlagen fühlte.

Irgendetwas kribbelte in mir und ich wusste erst nicht, woran es lag. Everly fuhr fort: »Wir haben verirrte Irrwische an ihre Gräber geführt.«

In dem Moment erinnerte ich mich an Rubys Aussage.

Sie hatte mich aufgefordert, mit Godric in Totenruh zu sprechen, da er mir so sehr fehlte.

»Ist das wahr, dass man dort mit Toten kommunizieren kann?« Schlagartig hob ich den Kopf und starrte sie an.

Als Lichtbringerin mit Orakel-Fähigkeiten wurde sie in anderen Spezial-Fächern unterrichtet, als ich und kannte sich mit solchen Orten besser aus.

»Ja, dazu brauchst du aber ein erfahrenes Orakel.«

»Gwen«, sagte Draca und warf mir diesen Blick zu, um mir zu vermitteln, ich solle die Sache auf sich beruhen lassen.

»So weit bin ich noch nicht«, fügte Everly mit einem Entschuldigen Lächeln hinzu.

»Konzentriere dich lieber auf deine Prüfung«, schlug mein älterer Bruder vor.

Ich nickte: »Habe ich vor.«

Doch in mir brodelte es und der Gedanke, den ich durch den Schulstress und den Ärger mit Direktor Goldbach und der abzulegenden Zwischenprüfung völlig verdrängt hatte, keimte wieder auf: Godric.

Mir fiel Ethan ein und was er zum Abschied gesagt hatte. Er konnte ihn zurückholen.

Ethan!‹, rief ich ihn unmittelbar.

Nichts.

Ich wusste, er hörte mich. Unruhig nippte ich an meiner Cola und wünschte mir insgeheim, ich könnte mir einen Schuss Rum hineingießen. Das Gefühl des Rausches gefiel mir besser und würde mich diesen Tag vielleicht auch etwas gelassener durchstehen lassen.

Das könnte sich zu einem Alkoholproblem entwickeln‹, hörte ich Ethans Stimme in meinem Kopf.

Erleichtert atmete ich durch.

Hallo Ethan‹, begrüßte ich ihn.

Hallo Gwendoline‹, antwortete er.

Wie war die Hochzeit?‹, erkundigte ich mich freundlicherweise.

Danke, sehr angenehm. Über deinen Abend müssen wir wohl nicht sprechen.‹ Ich hörte, dass er sich ein Kichern verkniff.

Ich ging nicht darauf ein und fiel direkt mit der Tür ins Haus: ›War das dein Ernst, was du gestern gesagt hast?‹

Ich meine immer alles so, wie ich es sage‹, erklärte er.

Das reichte mir nicht als Antwort: ›Wie ist es möglich, Godric zurückzuholen?

Das ist ein ziemlich schwieriger Zauber, für den es einige Zutaten benötigt. Aber wenn du es wirklich willst, helfe ich dir.‹ Der Vampir klang aufrichtig.

Trotzdem war mir nicht klar, weshalb er sich die Mühe machte.

Was würde mich das kosten?‹, erkundigte ich mich skeptisch.

Das Übliche … etwas Blut. Ich bin auf der Suche nach einer Blutwirtin. Dir ist sicher nicht entgangen, dass ich deinen Geruch als ansprechend empfinde.‹ Die Selbstverständlichkeit in seinem Tonfall war sowohl schmeichelnd als auch unwirklich.
Dabei fiel mir ein, dass ich selbst auf die Jagd gehen musste, um von einem Tier zu trinken. Es war Tage her und mir entging nicht, dass meine Kräfte schwanden.

»Gwen, mit wem unterhältst du dich?« Everly winkte vor meinem Gesicht herum.

»Ähm was?« Verwirrt schaute ich in die Runde.

»Mit wem du kommunizierst?«, wiederholte Draca die Frage interessiert.

»Bin bloß auf der Suche nach Teammitgliedern«, flunkerte ich.

»Notfalls könnte ich nach dem Training aushelfen. Um 9 müsste ich mit meinem Team durch sein.« Everly war mit vollgestopftem Mund kaum zu verstehen.

»Danke, das ist nett von dir, aber du kannst Freitag wohl kaum an zwei Prüfungen teilnehmen.«

»Klar kann ich«, meinte sie unbekümmert.

Diese Zuversicht hätte ich auch gern, ich war froh, wenn ich die eine Prüfung überstehen würde.

Ich hab ein Geschenk für dich‹, funkte Ethans summende Stimme dazwischen.

Was? Wieso?

Ich hatte den Eindruck, es wäre nützlich für dich. Da ich nicht imstande bin, das Refugium zu verlassen, war ein Freund von mir so nett, es zu bringen. Wie ich hörte, kennt ihr euch schon.

›Wer ist es?‹

Fabri wartet auf der Lichtung vor der Schutzkuppel auf dich‹, antwortete er.

Natürlich waren Ethan und der Halsabschneider von Arkanist Freunde. Zu gern wollte ich wissen, was die beiden angeschleppt hatten. Ich tat es Everly gleich und schaufelte das Essen in mich hinein, kippte Cola nach und erklärte: »Ich muss noch schnell nach Ewighain runter, Drachenbrand sammeln.«

»Willst du damit Teammitglieder bestechen?«, grinste Everly.

»Eigenbedarf«, erwiderte ich, stopfte mir noch einmal den Mund voll und stand dann vom Tisch auf.

Obwohl es gegen die Regeln verstieß, stellte ich mich allein auf eine Teleportationsplattform am Landeplatz der Lichtbringer Akademie und scannte mein Armband am Laser. Die transparent flirrende Schutzkuppel umhüllte mich und der Gullydeckel hob ab, um die fliegende Insel des Campus zu verlassen. Gemächlich glitt ich hunderte Meter hinunter zu dem Mammutbaum inmitten des Sumpfes, auf dessen Steg die Plattform in der Vorrichtung andockte. Ich wählte den schmalen Holzsteg zu meiner rechten Seite, der verschnörkelt über den trüb spiegelnden Tümpel hin zum Wald führte. Nahe der Wasseroberfläche surrten vereinzelte Irrwische und auch im Waldstück vor mir leuchteten die filigranen Wesen auf. Wie immer machte ich einen Bogen um sie, denn ich hatte keine Lust auf einen Biss oder einen Raufbold, der mir an den Haaren zog. Über Irrwische hörte man die merkwürdigsten Geschichten. Eilig schlug ich mich durchs Unterholz und durchquerte bald die Schutzkuppel. Fabri wartete nicht weit entfernt, am Rande eines Blumenstreifens auf der Lichtung. Mir fielen sofort die Irrwische auf, die ihn umgaben. Für gewöhnlich hielten sie sich nicht in Scharen auf. Zuerst erschrak ich, da ich annahm, sie attackierten ihn. Doch schnell wurde mir klar, dass die Irrwische ihm friedlich folgten. Sie umkreisten ihn, ließen sich an seiner Kleidung nieder und flogen wieder weiter. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

»Hi Gwen«, begrüßte er mich und in dem Moment entdeckte ich das Pferd hinter ihm.

Ein Rappe mit im Sonnenlicht glänzendem Fell schaute mich neugierig an. Ich wusste sofort, dass er für mich bestimmt war.

»Hi Fabri«, lächelte ich ihm beiläufig zu und trat angelockt von dem majestätischen Tier auf die Wiese.

Ich streckte die Hand nach dem Pferd aus und es schaute mich gebannt an, brummelte mich zur Begrüßung an.

»Mit besten Grüßen von Ethan«, meinte Fabri und beobachtete mich.

Es war nicht notwendig, meine Lichtbringer-Kräfte einzusetzen, das Tier beugte seinen Kopf zu mir herunter und schnupperte an meiner Hand.

»Hey Black Beauty«, flüsterte ich ihm entzückt zu und berührte seinen Nasenrücken, »ich bin Gwen.«

Mit zutraulichem Blick ließ das Ross sich vor mir auf der Wiese nieder und legte sich sanft auf die Seite, den Hals mit dem glänzenden Fell lang in meine Richtung gestreckt. Seine schwarze Mähne bettete sich weich darüber und lud meine Finger ein hindurchzufahren. Hingerissen kniete ich mich neben seinen Kopf und streichelte meinem neuen Freund den Hals. Ein entspanntes Brummeln war die Antwort. Nur um sicherzugehen, begann ich das Pferd durch Handauflegung in einen Dämmerzustand zu bringen. Seine Augen fielen zu und ich konnte mich an der schlafenden Schönheit kaum sattsehen. In der Innentasche des Schuluniform-Blazers trug ich meinen Lichtbringer-Dolch bei mir. Mit einer geübten Handbewegung fügte ich dem Tier eine Schnittwunde am Hals zu.

»Warum hast du Dominik eigentlich nicht zurück teleportiert?«, wollte ich von Fabri wissen, während ich sanft mit den Händen gegen die Wunde drückte.

Als das Blut herausquoll, beugte ich mich herunter und legte die Lippen an den Hals des ruhenden Tieres. Sein Blut glitt warm in meinen Mund. Schon mit dem ersten Schluck spürte ich, wie mächtig es war. Es war unter Lichtbringern bekannt, dass das gehaltvollere Blut größerer Tiere in kurzer Zeit die Energiereserven auffüllte. So stark hatte ich es mir jedoch nicht vorgestellt. Das größte Tier, von dem ich bisher getrunken hatte, war ein Hirsch gewesen. Ich mochte es neue Tierfreundschaften zu schließen und war nicht wie die meisten anderen Lichtbringer im Besitze eines Haustieres. Dies hatte sich mit Ethans Geschenk nun geändert. Ich musste nur ein paar Schlucke nehmen, bis meine Kräfte regeneriert waren. Ich hob den Kopf und bemerkte, dass Fabri mich beobachtete. Scheinbar wollte er mein Ritual nicht unterbrechen, denn erst jetzt gab er mir eine Antwort darauf, weshalb er Dominik zurückgelassen hatte: »Du hast sicher schon mitbekommen, dass ich kein Fan von Drachen bin.«

»Hättest du nicht mal eine Ausnahme machen können?«, lächelte ich diplomatisch und legte dem Pferd die Hand auf die Wunde.

Sie heilte binnen Sekunden. Ich wischte die Klinge über die langen Grashalme und steckte den Dolch wieder in den Halfter der Innentasche des Blazers.

»Er ist in seiner riesigen Drachengestalt eingeschlafen. Ich bin mir sicher, es liegt in der Natur der Tiere, draußen zu übernachten. Ich hatte jedenfalls nicht vor, einen betrunkenen Drachen aufzuwecken, um ihn durch ein Portal zu jagen.« Fabri setzte sich einige Meter entfernt ins Gras, die Irrwische folgten ihm, platzierten sich um ihn herum und auf seinem Körper.

Sein schlechtes Gewissen hielt sich demnach in Grenzen. Die Wunde am Hals meines Pferdes war verheilt und es sah so aus, als wäre nie etwas geschehen. Allmählich öffnete es die Augen und verweilte einen Moment in der entspannten Position. Dann erhob es sich langsam, stupste mich mit der Nase an und begann Gras zu fressen.

»Wie viel schulde ich dir für das Portal?«, fragte ich Fabri, auch wenn ich kein Geld dabei hatte.

Ich wollte nicht in seiner Schuld stehen, es erschien mir keine gute Idee.

»Wie ich hörte, hast du gestern Abend Kassy und ihre Mutter vor einem Vampirangriff bewahrt. Ich würde sagen, wir sind quitt.« Er berührte die Wiese zu seiner rechten Seite mit den Händen. Das Grün wurde sofort viel satter und plötzlich sprossen bunte Wildblumen aus der Erde und blühten auf. Gebannt beobachtete ich es.

»Einverstanden«, lächelte ich, »grüß sie von mir.«

Er nickte und schloss die Augen. Seine Lippen bewegten sich, als würde er etwas flüstern, doch kein Wort verließ seinen Mund.

Aus heiterem Himmel schimmerte ein Portal mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern direkt hinter ihm auf. Es zeigte das Bildnis der Vampirhauptstadt.

»Er möchte dich kurz sehen«, erklärte Fabri.

Lachend starrte ich auf das Portal und schüttelte den Kopf: »Ich werde ganz sicher keinen Fuß nach Schattensang setzen.«

»Du kommst vor der Stadt aus. Die Vampire verlassen den Ort tagsüber nicht.« Er stand auf und sah mich auffordernd an.

Unschlüssig schaute ich zum auf den riesigen Felsbrocken schwebenden Campus rauf. Eigentlich verstieß ich längst gegen die Auflagen, da ich die Schutzkuppel und somit das Gelände der Lichtbringer Akademie, verlassen hatte. Mich weiter vom Schulgelände zu entfernen, machte die Sache nicht besser, aber durch das illegale Portal, welches mein Armband nicht registrierte, würde es zumindest niemandem auffallen.

Zu erfahren, wie viel hinter der Aussage der Wiedererweckung meines Zwillingsbruders steckte, schien das Risiko aufzuwiegen.

»Wie komme ich wieder zurück?«

»In fünf Minuten stelle ich dir ein Portal zurück auf die Lichtung«, meinte er und spazierte beschwingt über die Wiese, wobei er eine Spur aus farbenfrohen Blumen und grünes Gras hinter sich zog.

Es wäre unhöflich, Ethan nicht für dieses wundervolle Geschenk zu danken. Fünf Minuten würden niemandem weh tun und ich wäre pünktlich am Ende der Mittagspause zurück zum Unterricht.

»Ich kann mich auf die fünf Minuten verlassen?«, erkundigte ich mich und stand auf.

»Elfen-Ehrenwort«, kicherte er gewitzt und ich wusste nicht, ob das so ernst zu nehmen war, wie ich hoffte.

Bevor ich näher an das Bildnis der Vampirstadt heranging, sah ich mich vorsichtshalber in alle Richtungen um,

»Ich verlasse mich darauf«, ermahnte ich Fabri, »und die Portale gehen auf Ethan!«

»Bis gleich«, erwiderte er nur.

Zuerst wusste ich das Gefühl nicht zu deuten, doch während ich mir das Gras vom Rock und den Knien klopfte, wurde mir klar, dass ich nervös war. Ich räusperte mich, aus Angst jemand hätte meine Gedanken gelesen und trat durch das Portal nach Schattensang.

Wie versprochen kam ich direkt vor den Pforten der Stadt auf der breiten Zufahrtsstraße aus. Die gläserne Kuppel mit den verdunkelten Scheiben wirkte überdimensional und beklemmend aus der Nähe und warf noch meterweit vor der Stadtmauer einen Schatten. Ich wagte nicht, in das Zwielicht zu treten, und blieb mit einem gesunden Abstand im Licht stehen. Mir fiel der Temperaturunterschied zur Lichtung auf, deren Herbstsonne nicht annähernd die Luft so aufheizte, wie hier im allzeit heißen Refugium.

Es dauerte kurz, bis ich mich an die Helligkeit gewöhnte und Ethan schließlich angelehnt an die hohe Mauer entdeckte. Er beobachtete mich längst.

»Das Pferd ist eine wundervolle Geste, ich weiß es sehr zu schätzen«, bedanke ich mich, »also vielen Dank für das Geschenk.«

Ethan legte den Kopf schräg und lächelte knapp.

»Es bleibt in der Nähe und es kommt, wenn du es rufst«, meinte er.

»Wie heißt es?«, wollte ich wissen.

»Du hast es doch schon Black Beauty getauft«, grinste er und ich stimmte mit ein.

»Die Schuluniform steht dir übrigens, lässt dich nahezu seriös wirken«, fügte Ethan nun hinzu und betrachtete mich vom Scheitel bis zur Sohle.

Das brachte mich zum Lachen: »Na hör mal, ich bin seriös!«

»Das ist zum jetzigen Zeitpunkt wohl eher fragwürdig«, antwortete er.

Ich verschränkte die Arme und hielt lieber den Mund. Wenn einer wusste, wie es um mich stand, dann er. Schönrederei half mir hier nicht weiter. Ich wechselte das Thema: »Wie stellst du dir die Blutwirt-Sache vor?«

Er trat an den Rand des Schattens. Wenn ich die Arme nach ihm ausstreckte, konnte ich ihn berühren. Seine stechend blauen Augen gleißten in der Dunkelheit.

»Hast du schonmal einen Vampir von dir trinken lassen?«, erkundigte er sich.

Ich schüttelte den Kopf: »Nein, zu gefährlich.«

Er wusste gleich, dass ich damit auf den Bluttausch anspielte, das Sakrament der Lichtbringerehen.  Ein Wesen, das von einem Lichtbringer trank, ging eine Verbundenheit ein, die ein gegenseitiger Bluttausch abschließen würde. Sollte ich aus irgendwelchen Gründen sein Blut trinken, solange sich das meine in seinem Organismus befand, würde das eine außergewöhnliche Verbindung herstellen. Wir würden die Gefühle des anderen empfinden, egal wie viele Kilometer zwischen uns lägen. Seine Schmerzen, seine Freude, sein Begehren würde ebenso in mir pulsieren wie in ihm und umgekehrt. Wir würden uns voneinander angezogen fühlen wie Magneten und wären in der Lage einander überall aufzuspüren. Zwar war der Bluttausch nicht so kraftvoll, wenn einer der beiden keines Lichtbringer-Ursprungs zugehörig war, doch das Bündnis würde weit über das normale Maß einer menschlichen Liebesbeziehung hinausgehen. Zwischen beiderseits abstammenden Lichtbringern würde der Bluttausch ein unzertrennliches Band schaffen, weshalb unsere oft arrangierten Ehen traditionell mit dieser Geste vollzogen wurden.

Ethan strich sich eine seiner langen Ponysträhnen zurück und fragte: »Angenommen wir gingen einen Bluttausch ein…«

»Das werden wir nicht«, nahm ich ihm sofort den Wind aus den Segeln.

»Deinen Willen respektiere ich natürlich, deshalb spreche ich den Gedanken auch rein hypothetisch aus«, lächelte er, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, »also angenommen wir täten es – ist es möglich die Sache wieder rückgängig zu machen?«

»Ja, es ist möglich indem man den Austausch nicht wiederholt. Nach einigen Wochen hat der Organismus das Blut abgebaut und die Verbindung wäre aufgelöst. Ich habe mal gehört, dass viele Paare zu dem Zeitpunkt jedoch schon so tief füreinander empfinden, dass das gar nichts ausmachen würde.« Allerdings war mir kein Paar geläufig, welches den Bluttausch nicht regelmäßig während der Ehe vollzog. Es war so selbstverständlich und intim wie der Beischlaf.

»Dann hast du ja nichts zu befürchten«, grinste er und streckte die Hand nach mir aus.

»Ich werde keinen Bluttausch mit dir eingehen«, wiederholte ich sicherheitshalber.

»Darum wollte ich dich nicht bitten«, versicherte er geduldig, »meine Absicht war lediglich, dein Selbstvertrauen zu stärken.«

Beleidigt verschränkte ich die Arme: »Sehe ich etwa aus, als hätte ich kein Selbstvertrauen?«

»Du siehst aus, als hättest du gestern einen über den Durst getrunken. Dein Blut wird vermutlich nicht halb so gut schmecken, wie gewöhnlich. Deine Jungfräulichkeit hebt das Manko allerdings wieder auf. Hoffe ich zumindest.« Mit funkelnden Augen sah er mich an, abwartend wie ich auf seine Provokation reagierte.

Ich wusste, dass Vampir am Blut erkannten, ob ein Mensch Jungfrau war. Wir Lichtbringer waren imstande dies an der Aura auszumachen. Seine Aussage brachte mich deshalb kaum aus der Fassung. Außerdem schämte ich mich nicht dafür. Immerhin war ich erst 16.

»Willst du es hier tun?«, vergewisserte ich mich und erntete einen enttäuschten Blick, da ich ihm weder Empörung noch errötete Wangen lieferte.

Mit einer ausladenden Handgeste deutete er auf die Einfahrt zur Stadt, in der ich im Halbdunkeln einige Dämonen und Vampire zwischen den Hochhäusern herschlendern sah. Irgendwo in der Ferne weinte ein Baby und der Gedanke ließ mich nicht los, dass sich an diesem Ort kein Säugling aufhalten sollte.

»Möchtest du etwa hereinkommen?«, erkundigte er sich ungläubig.

»Nein«, antwortete ich hastig.

»Auch wenn ich dir weiterhin dringend davon abrate, sollst du wissen, dass mein Vorrecht auf dich deinen Aufenthalt absolut sicher machen würde.« Er schaute mich beschwörend an.

»Trotzdem nein«, sagte ich fest entschlossen.

»Du solltest öfter so gute Entscheidungen treffen«, lächelte er.

Seine Fingerspitzen nestelten auf dem Teil meiner Handfläche, die in den Schatten getaucht war. Seine geschmeidige Berührung prickelte, so wie ich es erwartet hatte. Langsam trat ich näher an ihn heran und tauchte die Hände in das Zwielicht. Ungeniert faltete er seine Finger zwischen meine. Sie waren angenehm kühl und ich registrierte seine Stärke. Er zog mich viel zu dicht an sich und durchbohrte mich mit seinen schimmernden Augen. Sein Atem legte sich warm auf mein Gesicht. Ich genoss seine Nähe, obwohl das viel zu schnell viel zu innig war.

»Du zweifelst also meine Entscheidungen an«, fasste ich zusammen, um ihm zu zeigen, dass er mich nicht so kinderleicht aus meiner Komfortzone stoßen konnte.

»Das tu ich«, lächelte er süß.

Dann zog er mich sanft zu der Mauer, auf dessen Empore das gläserne Dach der Stadt errichtet war. Ich fürchtete mich nicht vor Angreifern, obwohl ich für einen angriffslustigen Dämon leichte Beute darstellte. Ich vertraute Ethan insoweit, dass mir niemand etwas anhaben würde, solange ich unter seinem Schutz stand. Warum es so war, würde ich vielleicht irgendwann herausfinden. Doch im Moment hatte ich eine andere Priorität und nahm alle hilfreichen Gegebenheiten hin, wie sie waren.

Seine Handfläche legte sich sanft auf meine Wange, wobei er mich sachte gegen die Mauer drückte und keine Sekunde den Blick von mir ließ.

»Bist du bereit?«, vergewisserte er sich.

Ich schob den Ärmel meines Blazers hoch, um ihm das Handgelenk anzubieten, und nickte, obwohl ich weiche Knie bekam. Er lächelte und ging nicht darauf ein. Seine Fingerspitzen wanderten an meinem Haaransatz entlang, glitten am Ohr vorbei und über die Kinnpartie, bevor sie sich ihren Weg hinunter an meinen Hals bahnten. Seine Berührung löste ein Ziehen in meinem Bauch aus, binnen Sekunden erstarrte ich gefesselt. Langsam näherte sich sein Gesicht, bis sich seine Wange gegen meine bettete. Ich konnte nur schwer dem Bedürfnis widerstehen meine Lippen in seine Richtung zu bewegen. Reglos stand ich da und ließ mit mir geschehen, was ich nie tun wollte – ich gestattete einem Vampir, von meinem kostbaren Lichtbringer-Blut zu trinken.

Plötzlich verspürte ich direkt unterm Ohr die Berührung seiner weichen Lippen an meinem Hals. Es kitzelte und prickelte gleichzeitig. Ich schloss die Augen und nahm mit jeder Faser meines Körpers wahr, was ich noch nie zuvor empfunden hatte. Ich wollte, dass er so nah bei mir war. Unkontrolliert schlangen sich meine Arme um seine Hüfte und zogen ihn dichter an mich heran. Er schnaubte amüsiert, als sein Körper gegen meinen gedrängt wurde.

Das Eindringen seiner Vampirfänge in meinen Hals war nicht schmerzhaft. Ich vernahm einen sanften Druck, woraufhin seine warme Zunge meine Haut berührte. Sein behutsames Saugen  wühlte mich weiter auf. Ich atmete schwer, mein Körper spielte verrückt. Das Ziehen wanderte von meinem Bauch in den Schoß. Schlagartig dachte ich an Sex. Ich wollte ihn auf der Stelle spüren. Mir war bewusst, dass er in meinem Kopf las, doch schaffte ich es nicht, diese begehrenden Gedanken zu unterdrücken, also versuchte ich es nicht weiter. Mir entglitt ein leises Stöhnen, während er von mir trank. Nie hätte ich im Traum gedacht, wie aufwühlend und befriedigend es war einem Vampir von sich trinken zu lassen. Wir waren eins und obwohl ich keinen Tropfen Blut von ihm intus hatte, bemerkte ich eine wachsende Verbundenheit zwischen uns. Mir war, als kannte ich ihn seit Jahren, die Barriere des Fremden war durchbrochen. Für einen Moment gab es nur ihn und mich auf der Welt. Nur ihn und seine vertrauten Lippen, seine feuchte Zunge, das betörende Saugen, seine Finger, die an meinen Armen herunterstrichen, seinen Körper der sich durch die verdammte Kleidung hindurch so unglaublich gut anfühlte. Seinen Duft nach Ingwer, der meine Ergebenheit nur noch heimtückischer in Gewahrsam nahm. Alles, was ich wollte, war er.

Ethan.

Kapitel 6 folgt in Kürze…

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