Drachenzauber – Kapitel 11 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 9 Minuten)

Ethans Geheimnis

Mit einem irritierten Augenblinzeln versuchte ich den aufkeimenden Gefühlen in mir Herr zu werden und ich spürte, dass es meiner besten Freundin ähnlich ging.

Keine von uns hätte gedacht sie jemals wiederzusehen, nachdem sie nach dem Kampf gegen Nelarias für immer nach Schattensang verbannt worden war.

»Warum bist du hier?«, wollte Draca von ihr wissen und schritt weiter in den Raum hinein, sah sich intensiv um.

»Dieser scheiß Vampir führt irgendwelche Tests an mir durch.« Curly richtete sich vorsichtig auf und setzte sich hin.

Die Innenseite ihrer Arme waren übersäht von Einstichstellen und blauen Flecken. Die Außenseite ihres rechten Unterarms war eine einzige offene Wunde, die seltsam im magischen Licht funkelte.

»Wozu?«, fragte er streng.

»Er sucht ein Heilmittel gegen das Sonnenlicht«, antwortete sie mit schwacher Stimme.

»Für Vampire?« Draca sah sie mit besorgter Miene an.

Sie nickte.

»Er experimentiert mit Unmengen von Lichtbringerblut, Jungfrauen und Drachen.« Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und wagte kaum, einen von uns anzusehen.

Mein Blut. Die Phiole, die an seiner Kette hing. Dominiks und Dracas Warnungen davor, dass er mich ausnutzte, hallten in meinem Gedächtnis wider.

Erinnerungsfetzen setzten in meinem Kopf ein wehklagendes Puzzle zusammen.

Wie töricht ich war.

Wie dumm.

Draca schritt weiter zur Glasvitrine auf der anderen Seite des Raumes.

»Bitte bringt mich weg von hier!« Curly sah zwischen uns Dreien hin und her.

Ich wich ihrem Blick aus, wollte überhören, was sie sagte. Hayley tat es mir gleich und nachdem wir uns gegenseitig angesehen hatten,  Betrachtete ich Ethans Notizen am Tisch. Neugierig blätterte ich durch ein kleines handschriftlich gefülltes Buch, verstand aber nur Bahnhof. Was immer es war, es sah wichtig aus. Also steckte ich es in meine Gesäßtasche.

»Sie sind hier«, sagte Draca und zog damit unsere Aufmerksamkeit auf sich.

»Die Dracheneier?«, fragte ich zerknirscht.

»Alle drei«, nickte er.

Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich gnadenlos. Mir war, als rissen diese Worte mir das Herz aus der Brust. Mit weichen Knien bewegte ich mich auf die Glaswand zu, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen.

Die Vitrine schien eine Art Brutkasten zu sein. Jedes Drachenei lag einzeln in einem geräumigen Nest, bestrahlt von mehreren Wärmelampen.

»Er will das sie schlüpfen«, flüsterte Hayley schockiert.

»Aber warum sollte er das wollen?«, murmelte ich verwundert.

Curly mischte sich ein. »Er verkauft die Drachenperlen auf dem Schwarzmarkt und will die Welpen für seine scheiß Versuche benutzen. Dieser scheiß Vampir wird sie alle umbringen!«

Ihre Stimme brach weg. Sie war ziemlich mitgenommen und verständlicherweise machte sie sich Sorgen um die Dracheneier – sie stammten so wie sie vom Teufelsdrachen ab.

Hayley fand auf einem der Schränke einen Rucksack und öffnete die Vitrine, um die Dracheneier dort hineinzulegen.

»Die Dracheneier gehören nicht der Lichtbringer Akademie. Gebt sie mir, ich will sie haben!«

Sie stand vom OP-Tisch auf und war augenscheinlich sehr wackelig auf den Beinen. Dennoch versuchte sie auf uns zuzukommen. Draca drehte sich zu ihr um und zischte: »Curly, verpiss dich!«

»Nein, ernsthaft – gebt mir die Dracheneier!«, beharrte sie, wagte jedoch nicht näher auf ihn zuzugehen.

»Wenn du abhauen willst, dann geh – die Tür ist offen. Aber bilde dir ja nicht ein, dass du nach allem, was du dir geleistet hast, auch nur in die Nähe der Dracheneier kommst. Eher reiße ich dir die Haut bei lebendigem Leibe ab und mache mir ein schönes Paar Drachenlederschuhe daraus.« Draca starrte sie aus verengten Augen an. In seiner Stimme knurrte etwas Unheilvolles mit.

Sie stierte ihn unnachgiebig an. »Wahrscheinlich hat er meine Schwester getötet. Diese Eier sind alles, was ich noch habe.«

Hayley drückte mir den Rucksack in die Arme und marschierte auf sie zu, blieb erst dicht vor ihr stehen und zischte: »Dann weißt du ja jetzt, wie das ist, wenn dir deine Familie genommen wird!«

Curly und Hayley sahen sich unendlich lange Sekunden gegenseitig aus verengten Augen an. Dann fuhr Curly plötzlich herum und rannte humpelnd aus dem Versuchslabor. Sie trug nicht einmal Schuhe. An der Tür starrte sie kurz auf den Riegel und ich hatte die Befürchtung, sie würde uns einsperren. Doch unsere Verstärkung wartete draußen, wir wären im Nu wieder befreit. Auch ihr zögernder Blick auf den langen Gang mit den unzähligen Türen blieb mir nicht verborgen. Trotzdem entschloss sie sich die Treppe hinauf zu laufen und bald verhallten ihre leisen Schritte nach draußen hin.

Leute, ist das Curly, die aus dem Haus gerannt kommt?‹, hörten wir Adalars verdutzte Gedanken an unser Dreiergespann gerichtet.

Ja, sie ist es. Ethan hat sie als Versuchskaninchen benutzt. Lasst sie einfach durch.‹ Draca überprüfte die Dracheneier und schloss dann den Rucksack sorgfältig.

Bevor er ihn mir wieder abnehmen konnte, zog ich ihn schnell auf den Rücken. Ich war für den Diebstahl verantwortlich und wollte sie demnach auch wieder in die Lichtbringer Akademie zurückbringen.

Hayley kam dazu und fragte diplomatisch: »Wie wärs, wenn Draca die Dracheneier schon mal nach draußen bringt und ich mit dir nach Ethan suche?«

»Auf keinen Fall!«, erwiderten Draca und ich wie aus einem Munde.

Zwar aus unterschiedlichen Intentionen – ich wollte die Dracheneier nicht aus den Augen lassen und er wollte weder Hayley noch mich allein dem Vampir überlassen – doch wir waren uns einig.

Ich drängte mich an ihnen vorbei, bevor sie es sich noch anders überlegten und ging voraus. Wie Curly zuvor, zögerte auch ich einen Augenblick mir anzusehen, was sich hinter den restlichen Türen verbarg. Doch die Wut in mir war stärker. Ich fühlte mich betrogen, aufs Übelste hintergangen. Eines war klar, das Blut was er sich für den »Notfall« an seinen wundersame Kette gehangen hatte, war zu Versuchszwecken missbraucht worden. Ich war Teil seines geheimen Laboratoriums. Er hatte nie vor, mir Godric zurückzugeben. Alles, was Ethan wollte, war auf seinen eigenen Vorteil gemünzt. Er herrschte bereits über diese schreckliche Stadt, doch das war ihm nicht genug. Er wollte wie ein Sterblicher im Sonnenlicht wandeln.

Er wollte keine Liebe, sondern Macht. Ich war nicht mehr und nicht weniger, als ein Mittel zum Zweck gewesen. Der Schlüssel zu drei Dracheneiern und Blutwirtin für seine Experimente.

Wenn es noch niemand getan hatte, würde ich höchstpersönlich ein Foto von mir im Wikipediaeintrag zu Dummheit hochladen.

Noch nie in meinem Leben hatte mich jemand so dermaßen ausgenutzt. Mit zugeschnürter Brust und tränenverhangenen Augen stolperte ich die Stufen hinauf, suchte im Erdgeschoss die Treppe nach oben und schnappte dabei nach Luft. Als ich in einem lichtdurchfluteten Flur Halt machte, drehte sich mir alles. Ich sah Hayleys Hand, die sich nach meiner Schulter ausstreckte, um mich mit einer Berührung zu beruhigen, doch das wollte ich nicht!

Ich musste das jetzt fühlen!

Wie eine unübersehbare Fährte führte ein Rinnsal seiner blauen Vampiraura über das helle Parkett direkt zu einer Doppeltür am Ende des Ganges, bevor dieser in den seitlichen Flügel abknickte. Mit stockendem Atem folgte ich der Aura, die ruhig pulsierte und darauf hindeutete, dass der Vampir schlief.

Wir sollten erst die Dracheneier in Sicherheit bringen. Danach kannst du ihn doch immer noch zur Rede stellen.‹ Draca blieb mit einem letzten hoffnungsvollen Versuch am Ende der Treppe stehen.

Ich beachtete ihn nicht. Alles, was ich noch wahrnahm, war die immer satter werdende blaue Aura, die sich provokant frohlockend unter der Flügeltür entfaltete und mit filigranen Abzweigungen nach mir ausstreckte. Mit zittrigen Fingern streckte ich die Hand nach dem diamantenbesetzten Türknauf aus und sofort wickelten sich blaue Fäden um meine Hand, drängten mich, die Tür zu öffnen. Augenblicklich erfüllte mich frische  Geruch von Ingwer, trieb mir den Speichel in den Mund. Vorsichtig drehte ich den Knauf, doch die Tür war verschlossen.

Ich drehte mich zu Hayley und Draca um und schüttelte den Kopf.

»Also schön«, brummte mein Bruder und marschierte uns durch den langgezogen Flur hinterher.

Sein Schritt war so schnell und zielgerichtet, dass ich dachte er wollte mich packen und hier rauszerren. Doch kurz bevor er mich erreichte, zog Hayley mich ruckartig von der Tür weg. Er änderte seinen Kurs nicht und plötzlich sprang er mit dem rechten Fuß voran gegen die Tür. Diese gab krachend nach und öffnete sich zu beiden Seiten hin in den Raum. Mit rasendem Herzen rannte ich hinter ihm her in das Schlafzimmer.

Ethan war kerzengerade im Bett hochgeschossen und blinzelte uns völlig verwirrt an. Zum ersten Mal sah ich seinen durchtrainierten und völlig makellosen nackten Oberkörper. Ich fragte mich, ob der Rest von ihm… Da sah ich die zweite Person in seinen weiß glänzenden Satinlaken. Sie bedeckte ihre Brüste mit der Decke und als sie mich ansah, rutschte mir das Herz in die Hose. Ich sah mein Ebenbild. Das Mädchen, das das Bett mit ihm teilte, war mein Spiegelbild. Sie hatte meine Augenfarbe, mein Gesicht, meine Frisur, sogar meinen flachen Busen. Alles an ihr war wie eine exakte Kopie von mir.

Uns allen verschlug es die Sprache.

In der gleichen Sekunde verwandelte sie sich. Meine Porzellanhaut wurde von einem purpurfarbenen Schimmer überzogen. Die kurzen dunklen Haare wuchsen innerhalb von Sekunden über die Schulter hinweg. Das blau ihrer Augen ertrank in einem goldenen Glimmern, während die Lippen viel voller und glänzender erstrahlten, als es meine waren. Auf der Stirn meiner Doppelgängerin bildeten sich schwarze Hörner und an ihrem Rücken entstanden die mir wohlbekannten Fledermausflügelchen. Einen Wimpernschlag später war uns allen klar, dass es sich um Ruby, den Sukkubus von Ethan handelte.

Mein Mund wurde staubtrocken, mein Herz raste wie ein Hochgeschwindigkeitszug und meine Wut schlug drei Mal pro Sekunde in Enttäuschung, einem Funken Hoffnung, Ekel und dann wieder in die wildeste Raserei um.

»Verdammte Scheiße, schon mal was von Klingeln gehört?!«, fluchte Ethan, als er uns erkannt hatte.

»Ding Dong!«, erwiderte ich trocken.

Ethan und ich sahen uns gegenseitig an. Dann wurde ihm klar, dass er nicht allein im Bett lag. Er öffnete den Mund für irgendeine lächerliche Rechtfertigung. Doch ich wollte sie nicht hören. Ich wollte gar nichts mehr hören.

Ich musste hier raus!

Mit eisernem Griff packte ich meinen Bruder und meine beste Freundin und schleifte sie hinter mir her, bevor sie irgendetwas sagen konnten.

»Gwen!«, hallte Ethans Stimme hinter durch den Gang.

Das Bettzeug raschelte, etwas plumpste auf den Boden.

Ich ignorierte es, so sehr ein Teil von mir auch umdrehen wollte. Um Ruby mit einem Faustschlag aus dem Bett zu katapultieren. Um Ethan mit der Ohrfeige seines Lebens zu zeigen, was ich davon hielt, wie er mich ausnutzte. Um ihn anzuschreien. Und um herauszufinden, warum sein Sukkubus sich in mich verwandelte, wenn er doch mich hätte haben können?!

Gwen, bitte warte!‹, seine mentale Stimme drang flehentlich in meinen Kopf.

Ich deaktivierte rigoros meine Aura, damit er keine Möglichkeit mehr hatte, Kontakt zu mir aufzunehmen.

Draußen hielt Everly die Wachmänner noch immer mit ihrem Zauber in Schach. So mitleidig, wie Adalar und Dominik mich anschauten, wurden sie von meinen Begleitern längst telepathisch über die Vorkommnisse im Haus informiert.

»Wir sollten schnellstmöglichst verschwinden«, meinte Draca und nahm etwas Abstand zu uns, »um den Vampir kümmere ich mich später!«

Ich wusste nicht, wie ich diese Aussage einordnen sollte, aber es war mir in diesem Moment auch egal.

Mit einem markerschütternden Brüllen verwandelte Draca sich in den schwarzen Drachen. Seine mächtige Gestalt legte einen dunklen Schatten über uns, die Einfahrt bis hin über das große Haus des Vampirs. Der Boden vibrierte unter Dracas Gebrüll, drang durch die Aushöhlung in meinem Herzen, spiegelte mein Innerstes wider. Mein Bruder schnaubte, wodurch der schwefeldurchtränkte Windstoß mich beinahe zum Haus zurückdrängte. Ethan stand im Eingang, barfuß und nur mit einer schwarzen Hose bekleidet. Sein schwarzes Haar flatterte kurz auf. Er schenkte der furchteinflößenden Drachengestalt meines Bruders keine Beachtung, obwohl er ihn aus glühenden Augen anstarrte. Ethan sah nur mich an.

Everlys Zauber verstummte und sie bewegte sich vorsichtig rückwärts in Richtung Drachen, während die Wachmänner aus ihrer Trance erwachten.

»Steigt auf«, beorderte Dominik, »er hat längst bemerkt, dass Curly und die Dracheneier weg sind.«

Draca legte die linke Schwinge auf den Boden, so dass wir am Ausläufer zu seinem Rücken hinaufklettern konnten. Hayley stieg hoch und zog Everly hinter sich rauf. Adalar folgte ihnen. Dominik beobachtete die Wachen, die sich langsam rückwärts von uns zurückzogen in Richtung des Hauses. Ethan und ich sahen uns gegenseitig an. Ich wusste nicht, ob es Reue war, die sich in seinem Gesicht spiegelte oder Wut darüber, dass wir die Dracheneier zurückgestohlen und seine Versuchsperson freigelassen hatten.

»Er will mit dir reden«, sagte Dominik ruhig hinter mir.

Ich nahm wahr, dass er die Hand hob. Wahrscheinlich war auch er geneigt, meine Gefühle zu beruhigen. Ich blickte ihn über die Schulter hinweg mahnend an, schüttelte den Kopf und er verstand sofort. Er nickte mir zu und anstelle mein Gemüt zu beeinflussen zog er mich sanft zum Drachen.

Als Draca sich mit uns in die Lüfte erhob, um schnellstmöglich den Ausgang dieser furchtbaren Stadt zu erreichen, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.

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