Drachenzauber – Kapitel 12 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 8 Minuten)

-Die Welpen-Prophezeiung-

Wir setzten uns an einer abgelegenen Stelle in den weißen Sandstrand des Refugiums. Die Vampire konnten Schattenhain nicht vor Anbruch der Dunkelheit verlassen. Es gab zwar einige Dämonen, denen dies vergönnt war, die Stelle war jedoch unbelebt und schien uns sicher.
Ich hatte mich noch nicht ganz beruhigt und war dankbar, als Adalar den silber glänzenden Flachmann aus der Innentasche seines Schulblasers holte. Er nippte daran und nach einem vergewissernden Blick zu Draca, reichte er mir das Behältnis.
Dominik und Draca beobachteten mich schweigend, während ich einen großen Schluck Whiskey aus der Flasche herunter kippte. Die vertraute Hitze, die mir wie ein Film die Speiseröhre herunterlief und den Magen ausfüllte, lenkte mich zwei Sekunden von meinem Leid ab.
Nie im Leben hatte ich so viel Wut und Enttäuschung verspürt. Nie.
Ich wollte ein zweites Mal ansetzen, doch Draca funkte dazwischen: »Das genügt!«
Ich wollte erst etwas sagen, doch dann wurde mir klar, dass sie mich nur aufgrund der Situation gewähren ließen und ich dem Trinken eigentlich entsagt hatte. Ich stellte fest, wie sehr ich daran gewöhnt war meinen Schmerz mit Alkohol zu betäuben, denn ich wollte in diesem Augenblick nichts mehr, als den kompletten Inhalt des Flachmanns hinunterzukippen. Das musste aufhören. So durfte ich nicht werden. Ich konnte nicht zulassen, dass die Ernüchterung über einen verlogenen Vampir mich zum Trinken trieb.
Bevor mich der Drang überwältigte, griff Hayley nach dem Behältnis und trank ebenfalls einen großen Schluck daraus. Das Treffen mit Curly hatte sie mitgenommen, das war ihr anzusehen. Ich wusste, es war ihr nicht leicht gefallen, sie einfach ziehen zu lassen. Adalar musste es ähnlich gehen. Vielleicht sogar schlimmer. Doch sie thematisierten es nicht. Meine Freunde saßen um mich herum am Strand und warteten darauf, dass ich mich beruhigte. Insbesondere Dominik war anzusehen, dass es ihm schwerfiel, mich nicht durch seine Lichtbringerkräfte zu beruhigen. Ich atmete tief durch und wischte mir die Tränen von den heißen Wangen. Das Plätschern der seichten Wellen, das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, die salzige Brise, die mir verspielt durchs Haar wehte und die wohltuende Wärme der Mittagssonne lullten mich ein.
»Also schön«, sagte ich und versuchte, ein Lächeln in die Runde abzugeben, »ich kann mich später im Bett noch genug bemitleiden – wie gehts jetzt weiter?«
Erstaunlicherweise hatten die Vampire von Schattensang uns ohne weitere Vorkommnisse ziehen lassen. Ohne Frage hatte Ethan sie dazu beordert, denn die Gestalt eines Drachen hätte den ein oder anderen mit Sicherheit zu einem Angriff provoziert. Dennoch hatten sie uns nur mürrisch beobachtet, wie wir das Stadttor passiert hatten, um uns auf den neutralen Boden des Refugiums zu verziehen. Hier war es keinem Vampir erlaubt anzugreifen.
Mein Bruder ergriff das Wort. »Ethan wird versuchen zu verhandeln. Sein Diebstahl wird nicht ohne Folgen für ihn bleiben. Was auch immer er in Schattensang für eine Position hat, außerhalb der Stadt ist er nun ein Geächteter.« Draca blickte in jedes Gesicht einzeln, wie um sich zu vergewissern, dass jeder von uns es verstanden hatte.
»Was hat das zu bedeuten?«, wollte ich wissen.
»Der hohe Rat von Immerherz wird sich über sein Schicksal neu beraten«, erklärte Dominik.
Vom hohen Rat hatte ich schon viel gehört, zu Gesicht bekommen hatte ich noch keinen von ihnen. Doch mir war klar, dass sie diese Parallelwelt regierten.
»Dazu müssten sie ihn erst mal kriegen«, erwiderte ich.
Der Blickwechsel zwischen Draca, Adalar und Dominik blieb mir nicht verborgen – ebenso wenig der Anflug ihres arroganten Lächelns.
Ich entschied mich, es vorerst zu ignorieren. Stattdessen erklärte ich: »Ethan kann unsere Gedanken ausspionieren, wenn auch nur einer von uns seine Aura freigibt.«
Draca nickte: »Sie hat recht – wir sollten sie alle vorsichtshalber blockieren, bis wir diese Sache hinter uns gebracht haben.«
»Was ist mit den Dracheneiern?«, fragte ich leise, um keine Dämonen auf unser Gespräch aufmerksam zu machen.
»Wir sollten wie besprochen das Prophezeiungsritual durchführen, um zu sehen, ob eines der Welpen abtrünnig werden wird«, schlug Everly vor.
»Wozu? Den Drachenzauber gibt es ja doch nicht!« Seufzend zog ich an den schweren Riemen des umgeschnallten Rucksacks.
»Moment mal, nur mal zum besseren Verständnis für mich – du warst mit Ethan zusammen, weil er dir gesagt hat, er könne einen Drachenzauber durchführen?«, erkundigte Dominik sich.
»Wir waren nicht zusammen!«, verteidigte ich mich.
Keiner von ihnen konnte das darauffolgende Gesichtsspiel verbergen. Okay – ich war also die einzige Anwesende, die das noch immer dachte. Oder sich zumindest einredete.
»Ethan hat da so einen Orakelfreund«, erklärte ich schließlich.
»Fabri«, wusste Everly sofort.
Ich nickte.
»Du hast also schon mal was von einem Drachenzauber gehört?«, wollte ich von Dominik wissen.
Er nickte zögerlich. Es gab ihn also! Es gab diesen Wiedererweckungszauber wirklich!
Hatte ich Ethan zu voreilig beurteilt? Hätte er das Ritual veranlasst?
»Jeder außer mir scheint zu wissen, was das ist!«, beschwerte Adalar sich.
Hayley und Draca wechselten einen langen Blick miteinander. Dann sprach Hayley: »Es ist ein anspruchsvoller Wiedererweckungszauber.«
»Für gewöhnlich sind die Asche des Verstorbenen sowie das Blut eines Schattenkindes nötig«, fügte Draca hinzu.
»Die Blutwirtin bin ich«, fügte ich hinzu.
»Ich dachte Godric war das Schattenkind von euch«, wunderte Adalar sich.
»Im Prinzip sind wir es beide, nur war er derjenige mit dem Vampir-Gen«, erklärte ich.
»Und wozu brauchen wir das Drachenei?«, fragte Adalar.
»Wir haben seine Asche nicht. Ohne sterbliche Überreste ist es ein etwas komplizierterer Zauber, der ein Opfer verlangt.«
»Eine Seele für eine Seele«, murmelte Adalar.
Ich wich ihren Blicken aus und starrte auf das Wasser.
»Wenigstens gibt es keinen Check-up darüber, ob es eine gute oder böse Seele im Austausch gibt«, lächelte Everly.
Sie deutete auf meinen umgeschnallten Rucksack: »Schauen erst mal, was wir hier haben – bevor wir weiter reden?«
Bereitwillig schnallte ich die Tasche vom Rücken und drapierte sie vorsichtig in meinem Schoß. Ich nahm ein Drachenei nach dem anderen heraus und legte sie in den Sand. Ihre Struktur war schuppenüberzogen und pikste in den Händen. Jedes Drachenei war von einer unterschiedlichen Farbschattierung überzogen. Das gelbe und das braune Drachenei waren bis auf ihre Farbe identisch. Das olivgrüne Drachenei war nur halb so groß und ich konnte es mit einer Hand halten. Sie schimmerten im Licht. Allzu lange durften wir sie nicht von der Nestwärme fernhalten. Everly malte ein Pentagramm in den Sand und berührte die Spitzen des Fünfzacks mit den Enden ihrer schwarz lackierten Fingernägel. Es zischte leicht, während sie mir unverständliche Worte zu flüstern begann. Zeitgleich als ihr Trancezustand eintrat, züngelten kleine Flammen aus den Zacken des Pentagramms empor. Eine milchige Färbung leckte sich wie ein Film über ihre Augen, dann wurde sie still und berührte das gelbe Drachenei mit beiden Händen. Ich stellte ihr einige Fragen über die Zukunft des gelben Drachens, danach die gleichen Erkundigungen, während sie das braune Ei betastete. Leider erfuhr ich nicht, was ich gehofft hatte. Nichts deutete auf ein schädliches Wesen der ungeborenen Drachen hin. Zum Schluss legte sie die Hände auf das kleinste Drachenei und zuckte zurück, bevor ich die erste Frage formulieren konnte. Auch den anderen fiel ihr Verhalten sofort auf und in mir keimte Hoffnung.
»Wie ist das Gemüt dieses Drachen?«, fragte ich angespannt.
Dominik sah sich immer wieder um, um sicherzugehen, dass uns niemand beobachtete.
»Dieser Drache ist aggressiv und angriffslustig«, antwortete Everly in einer nebulös monotonen Stimme.
Ich schluckte. Hatten wir hier unseren Treffer?
»Wird der Drache die Pläne des Teufelsdrachen verfolgen und versuchen ins Diesseits zu gelangen?«, fragte ich weiter.
Everly war einige lange Sekunden still, während ihre Hand über die Schuppen des olivgrünen Dracheneies strich. Ihre Stirn runzelte sich und sie zog die Mundwinkel herunter.
»Ja und es wird ihm gelingen«, antwortete sie.
»Ihm«, wiederholte Draca zerknirscht. Für mich änderte das Geschlecht nichts daran, wie stark oder bösartig der Drache später sein könnte.
»Heißt das, dieser Drache ist eine Bedrohung für die Menschen im Diesseits?«, fragte ich gezielt weiter.
»Ja, das ist er. Und auch für die Welt von Immerherz, wie wir sie kennen. Er hat die Macht, alles zu ändern, wenn er sein Gegenstück findet.« Everly schloss die Augen und atmete schwer.
»Hey, alles in Ordnung?«, erkundigte Hayley sich besorgt.
Meine Mitbewohnerin zog die Finger von dem Drachenei und fokussierte sich auf ihre Atmung. Als sie beständiger wurde, öffnete sie die Lider und ihre Augenfarbe nahmen den gewohnten herbstbraunen Glanz an.
»Das war anstrengend«, flüsterte Everly mit überraschter Miene.
Draca stubste Hayley mit dem Ellenbogen an, die ihr daraufhin den Flachmann mit dem restlichen Whiskey entgegen streckte. Everly trank das Fläschchen mit einem Schluck leer.
Ein Windstoß blies uns die salzige Meerluft in die neugierigen Gesichter und löschte das Feuer des Pentagramms.
Wir sahen uns alle gegenseitig schweigend an. Die Prophezeiung hatte eine Grenze verwischt, die niemand von uns gewagt hätte zu überschreiten. Zuerst wollte ich nichts sagen, doch es brannte mir auf der Seele. Vorsichtig fragte ich an Hayley und Draca gerichtet: »Wenn ihr von dem Drachenzauber wusstet, warum habt ihr mir nichts davon erzählt?«
Mein Bruder begann die Dracheneier zurück in den Rucksack zu legen. »Es ist gefährlich, diesen Zauber durchzuführen. Es gibt so viele Variablen, so vieles zu beachten. Du benötigst ein Orakel, das genau weiß, was es tut. Der Zauberspruch muss hundertprozentig sitzen. Das Blut muss das richtige sein für das Ritual. Die Blutgabe an den Wiedererweckten nach dem Ritual ist ebenfalls sehr risikobehaftet. Der Wirt könnte dabei sterben. Ganz abgesehen von der Opfergabe – dem Drachenei, welches wir bisher nicht haben.« Draca versuchte, es mir so sachlich wie möglich zu erklären.
»Hatten!«, verbesserte ich ihn.
Er schluckte seine Einwände herunter, denn das war noch lange keine beschlossene Sache. »Selbst wenn alles nach Plan läuft – es gibt keine Garantie, dass der Drachenzauber funktioniert«, sagte Draca eindringlich.
Er war dagegen. Ganz offensichtlich.
Hayley bemerkte die angespannte Stimmung zwischen uns und lenkte ein: »Im schlimmsten Fall könnte es passieren, dass Godric nicht aufhört von dir zu trinken – dann haben wir ihn zurück und stattdessen verlieren wir dich.«
»So war es ursprünglich auch vorgesehen«, erwiderte ich mit dünner Stimme.
»Sag das nicht«, flüsterte Everly und legte den Arm um mich.
Hayley nahm meine Hand und drückte sie mitfühlend.
»Abgesehen davon können wir nicht einfach entscheiden das Drachenei zu opfern. Es gehört uns nicht.« Sie sah mich verträglich an.
»Wir hätten die Dracheneier auch alle zerstören können beim Kampf«, lachte ich zynisch.
»Das haben wir aber nicht«, antwortete Hayley sanftmütig, »und das gibt uns auch nicht das Recht darüber zu bestimmen, ob dieser Drache leben darf oder nicht.«
»Wer soll es denn dann bestimmen, wenn nicht wir? Wir kennen doch jetzt die Wahrheit! Dieser Drache stellt eine Bedrohung dar!« Aufgebracht sah ich sie an.
Dominik bedeutete mir, die Stimme zu senken und sah sich vorsichtshalber noch einmal in der Gegend um. Es schien sich jedoch weiterhin niemand genähert zu haben.
So sehr ich zuvor mit mir gehadert hatte, sobald Everly die Prophezeiung des Dracheneies gesprochen hatte, wusste ich, was ich wollte. Ich wollte diesen üblen Drachen gegen Godric eintauschen. Die Flamme der Hoffnung, die ich so klein wie möglich in mir hatte flimmern lassen, loderte zu einem Sprühfeuer auf. Ich musste es versuchen!
Ethan konnte ich abschreiben. Damit, dass ich die Prüfung vergeigte, hatte ich mich fast schon abgefunden. Godric zurückzuholen, war alles, was mir noch blieb.
Ich konnte nicht ins Diesseits zurückkehren. Ohne meine Freunde, ohne meinen Zwillingsbruder – dann hatte ich nichts und niemanden mehr zu Hause. Dann war ich wieder völlig allein. Die Einsamkeit machte mir Angst.
»Lassen wir den hohen Rat entscheiden«, schlug Adalar vor.
Ich schüttelte vehement den Kopf und drückte den Rucksack mit seinem wertvollen Inhalt an mich. »Nein, ich werde es tun. Ist mir egal, ob ihr dabei seid oder nicht. Ich nehme die Schuld auf mich. Ich fliege sowieso von der Akademie.«
»Wir lassen dich jetzt nicht im Stich«, erklärte Hayley.
Ich sah von ihr zu Draca.
Er biss die Zähne fest aufeinander, das Mahlen seines Unterkiefers war deutlich zu erkennen. Das machte er immer, wenn er intensiv über etwas nachdachte.
»Also schön«, lenkte er ein.
»Also schön, was?«, vergewisserte ich mich.
Draca stand auf und zog mich aus dem Sand hoch. Er strich mir mit der Hand über die Wange und grinste schief: »Holen wir unseren Bruder zurück!«

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