Drachenzauber – Kapitel 16 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 7 Minuten)

-Das Holz der Schande-

Der stechende Schmerz in meinem Gesäß riss mich aus der Ohnmacht. Orientierungslos blinzelte ich, mein Kopf lag auf der Seite mit dem Kinn an der Schulter. Die Spitze des Holzpflocks in meinem hinteren Hosenbund stach mir in die Pobacke. In Schräglage entdeckte ich Feuer in der Luft und einen Brand direkt neben mir. Ich lag im Schatten einer Baumreihe. In der Ferne sah ich einen Drachenkörper. Ich roch verkohlte Vampire. Mein linker Arm schmerzte, als hätte ihn jemand zu fest gedrückt und das fackelnde Feuer direkt neben mir versengte mir fast die Haut.

Atemnot. Ich konnte nicht atmen!

Etwas lag auf meinem Brustkorb. Verwirrt drehte ich den Kopf nach vorn und starrte auf schwarz polierte Lederschuhe. Der Absatz drückte sich fest auf meine Brust. Ich blickte an der grauen Stoffhose hinauf und schließlich in die boshaft funkelnden Augen des Vampirs, der mich vom Drachen gerissen hatte. Ethan. Wie konnte er nur? Ich wusste nicht, wie mir geschah.

Halte durch, wir sind gleich da!‹, ließ Hayley mich wissen. Ihr Brüllen strafte ihre Worte Lügen, denn sie kämpfte längst gegen einen Strom angreifender Vampire. Plötzlich rutschte der Schuh hinauf an meinen Hals, drückte meinen Kehlkopf ein und quetschte sich so dicht darauf, dass ich keinen Atemzug mehr tun konnte. Ich zappelte in Panik, verstand nicht wieso. Meinte er das ernst? Sekunden verstrichen, ich versuchte, sein bleischweres Bein von mir zu reißen. Verzweifelt krallte ich mich an der Hose fest, während er mich schief angrinste. Das erschien alles so surreal und auf der anderen Seite machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, gleich zu sterben.

Dann wäre ich bei Godric.

Das Hosenbein rutschte durch mein Gezerre hinauf und ich kratzte ihm über die Wade. Das darauffolgende zischende Dampfen seiner Haut und das erschrockene Zucken verrieten es mir.

Das war nicht Ethan. Wie konnte ich das auch nur für eine Sekunde glauben? Ich war nicht in der Lage meine Telepathie anzuwenden, geschweige denn irgendeinen Gedanken zu formulieren. Ich wusste nur eines – wenn er noch nicht vom Himmel gefallen war, dann musste ich ihn jetzt auf mich aufmerksam machen. Ich brauchte ihn. Den echten Ethan.

Ich hoffte inständig, ich lag richtig, ließ das Bein los und meinen linken Arm in das Feuer neben mir fallen. Ein unsäglicher Schmerz durchzuckte mich, fraß sich unerbittlich durch meine Hand und den kompletten Unterarm bis zum Ellenbogen. Wenn er noch lebte und mein Lichtbringerblut durch seine Adern rauschte, musste er diesen Schmerz spüren!

Ich war nicht fähig zu schreien. Dazu fehlte mir die Luft. Mit letzter Kraft riss ich den Arm zurück, kämpfte gegen die sich nähernde Ohnmacht. Plötzlich flog etwas über mich hinweg, riss den Fuß von meinem Hals und befreite mich.

Ich rollte mich zur Seite ein Stück vom Feuer weg und versuchte zu atmen. In meinem Hals quälten mich tausend Nadelstiche, als hätte ich Flammen inhaliert. Nur schwer drang Sauerstoff durch die malträtierte Luftröhre. Vor mir standen zwei Ethans. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen.

»Ethan, ich musste es tun!«, jammerte mein Angreifer mit weiblicher Stimme. Die Stimme der Dämonin, die ich hinter diesem Schwindel vermutete – Ruby.

Er hielt sie von hinten im Würgegriff und sah mich prüfend an. Machte er sich Sorgen um mich?

Nun verwandelte sie sich in ihre wahre Dämonengestalt, legte ihre zarten Finger auf den Arm, der ihren Hals zudrückte und sah ihn entschuldigend an.

Er war gekommen, um mich vor ihr zu retten!

»Sie versucht dich zu töten«, japste Ruby.

Ich gönnte es ihr, dass sie nun diejenige war, die keine Luft bekam. Das hatte sie verdient.

»Ich habe dich gewanrt«, antwortete Ethan ihr.

Er küsste Ruby auf die Stirn und sah sie an, als wollte er sich verabschieden.

Ich entdeckte das Drachenei. Er hatte es einfach neben sich auf dem Boden abgelegt, um Ruby von mir fernzuhalten.

Blaue Funken pulsierten zart darum herum. War der Zauber doch noch nicht ganz unterbrochen? Konnte ich noch irgendetwas tun, um ihn zu Ende zu bringen? Da die beiden beschäftigt waren, nutzte ich die Gelegenheit und streckte vorsichtig die Hand danach aus. Mein verbrannter Arm schmerzte in Höllenqualen mit der Bewegung. In dem Moment knackste es und noch bevor Rubys Körper schlapp auf dem Boden aufkam, wusste ich, was er getan hatte. Ethan hatte ihr das Genick gebrochen. Er hatte sie getötet. Genau wie er es prophezeit hatte – nur hätte ich nie für möglich gehalten, dass er es tun würde. Ich erstarrte in der Bewegung und sah auf die Leiche der Dämonin vor mir. Er betrachtete sie ebenfalls und wirkte zerknirscht. Dann griff er ihre Knöchel und zog sie zum Feuer rüber. Zwei Sekunden später wurde Ruby von den Flammen verschlungen.

Fassungslos beobachtete ich ihn. Ich war völlig durcheinander.

Schnapp dir das Drachenei!‹, hörte ich Draca. Ich nahm all meinen Mut zusammen und wollte es aufheben, da hatte Ethan sich in übernatürlicher Geschwindigkeit vor mich gehockt und sah mich tadelnd an.

»Das hättest du nicht tun müssen, ich war schon auf dem Weg zu dir«, sagte er mit weicher Stimme und betrachtete meinen verbrannten Arm.

Er heilte nicht, mir fehlte die Kraft. Ethan legte vorsichtig die Hand auf meine Wange und sah mir in die Augen. Das gespenstische Leuchten verdunkelte sich, so als ob er sich für mich bemühte, nicht zu beängstigend auszusehen. Ich konzentrierte mich auf seine kristallblauen Augen. Plötzlich stellte sich der quälende Schmerz ein. Er hatte mich mit seiner Vampirkraft geblendet.

»Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte er und atmete mit gesenktem Blick tief durch.

Er lehnte die Stirn gegen meine, während sein Daumen sanft übers Gesicht strich.

Ich liebte ihn.

Töte ihn!‹, forderte Draca mich auf.

Er brüllte lauthals, ich hörte seinen Flügel so laut im Wind flattern wie ein Schiffsegel.

Jag diesem Vampir den verdammten Pflock durchs Herz – das ist unsere letzte Chance Godric zurückzubekommen!‹, knurrte mein Bruder.

Draca flog über uns hinweg und eilte Hayley zu Hilfe, die von Vampiren eingekesselt wurde.

Meine Augen füllten sich mit Tränen, als Ethans weiche Lippen mir einen Kuss schenkten. Vorsichtig tastete ich mit den Fingerspitzen nach dem Holzpflock im Hosenbund und zog ihn ganz langsam heraus.

Ich wollte es nicht tun.

Aber welche Wahl hatte ich? Mit einem unterdrückten Schluchzen erwiderte ich seinen Kuss, sog seinen Duft in mich auf und schob langsam die Spitze des Pflocks von unten zu seiner Brust hoch. Mein Körper reagierte auf Ethan, wollte mehr, verlangte danach, sich an ihn drücken. Mein Verstand wollte der Aufforderung meines Bruders nachkommen. Ich musste das Drachenei bekommen!

Ruckartig stieß ich den Pflock hoch, doch in letzter Sekunde schnellte seine Hand in übernatürlicher Geschwindigkeit zum oberen Teil und hielt es fest. Die Spitze drückte sein Hemd ein, war jedoch nicht in seine Haut eingedrungen. Er zog sich von mir zurück und sah mich enttäuscht an.

Ich weinte. Zu etwas anderem war ich nicht mehr fähig.

Ich Versagerin.

Ethan riss mir den Pflock aus den Händen und warf ihn ins Feuer.

Das Holz der Schande brannte lichterloh und verschmolz bald mit den Flammen, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Wie betäubt sackte Ethan rücklings auf den Hosenboden zurück und starrte wortlos in die Glut.

Ich sah Dominik aus der Ferne angeflogen kommen, doch meine Tränen verschwammen mir die Sicht. Ethan erwachte aus seiner Stagnation, hob das Drachenei vom Boden auf und sah mich an. All die Enttäuschung und Irritation spiegelten sich in seinem Gesichtsausdruck.

Er rannte aus dem Schatten der Bäume. Bevor er mit dem Tageslicht in Berührung kam, umgaben ihn so viele Fledermäuse, dass sie eine Kugel um ihn bildeten. Wie eine schwarze Kanonenkugel schoss er in den Himmel und flog in übernatürlicher Geschwindigkeit in Richtung Refugium.

Ich wusste, ich hatte sie beide verloren. Die Vampire folgten ihm, ließen alle gleichzeitig von den Drachen ab und flogen so schnell davon, dass es in der Luft zischte.

Ich hockte einfach nur da und weinte. Warum traf ich ständig die falschen Entscheidungen?

Hätte ich doch nur einfach gar nichts getan. In seinen Augen hatte sich seine Enttäuschung über meinen Verrat widergespiegelt. Vielleicht weil er sich zu sehr darauf verlassen hatte, dass er spürte was ich fühlte. Und ich trotzdem versucht hatte ihn zu töten.

Er hatte Ruby getötet, weil sie mich angegriffen hatte. Und zum Dank versuchte ich ihm einen Pfahl ins Herz zu treiben. Ich konnte förmlich sehen, wie sein Herz brach. Genauso wie meines.

Mein Körper zitterte, während ich verzweifelt heulte. Tränen strömten mir über die Wangen, meine Nase lief und mein Herz schmerzte so viel mehr, als meine körperlichen Wunden es zuvor getan hatten. Ich war unfähig zu allem.

Ich konnte weder Godric retten, noch Ethan.

Dominik landete in unmittelbarer Nähe und verwandelte sich in seine Menschengestalt. Sofort war er bei mir und legte mir die Hände auf. Wahrscheinlich dachte er, ich weinte vor Schmerzen. Ich war die größte Versagerin, die es gab.

»Wir können ihnen nicht nach Schattensang folgen. Durch die Kuppel haben wir zu wenig Flugspielraum, sollte der Kampf dort weitergehen. Außerdem haben sie da noch mehr Verstärkung. Es wäre vernünftiger, jetzt den hohen Rat einzubeziehen.« Dominik sah mich besorgt an.

Adalar, Hayley und Draca landeten in unmittelbarer Nähe. Everly kletterte von ihr herunter und begann mit einem Zauber die Brände zu löschen. Sie umringten mich besorgt. Niemand schien verletzt, deshalb fiel es ihnen leicht, mir die Hände aufzulegen. Dank ihrer Kraft heilte mein Körper, wenn auch nicht vollständig, aber so dass ich mich wieder schmerzfrei bewegen konnte. Mein Herz vermochten sie nicht zu heilen.

»Wir müssen den Rat einberufen, auf der Stelle«, meinte Draca.

Da niemand Widerspruch erhob, zog er mich auf die Beine und drückte mich sanft in Dominiks Arme: »Bringt Gwen und Everly zur Akademie zurück – ich sehe nach dem Elf, Adalar holt die anderen beiden Dracheneier.«

Draca und ich sahen uns gegenseitig an. Ich wollte irgendetwas zu ihm sagen, denn ich wusste, dass auch Draca enttäuscht war. Auch wenn er es sich aus Rücksicht auf mich nicht anmerken ließ. Mir fehlten die Worte. Ich war irgendwie sauer auf ihn, aber mein Gefühlswirrwar ließ es nicht zu, meinen Zustand näher zu definieren.

»Gib Acht, dass dir niemand folgt«, sagte mein Bruder zu Adalar, ohne den Blick von mir abzuwenden.

Ich ab nach, ließ die Lider sinken und starrte auf meine Füße. Ich wollte einfach nur noch hier weg. Eine unsägliche Müdigkeit überkam mich und ich wollte nichts mehr, als mich in mein Bett zu legen.

  • Was glaubst du, wie es zwischen Gwen und Ethan weitergeht?
  • Schreib es in die Kommentare!
  • Beachte bitte, dass der Blog-Roman die Rohfassung und völlig unbearbeitete Version des Buches ist, Fehler kommen demnach garantiert vor 

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