Drachenzauber – Kapitel 19 (Blog-Roman)

(Lesedauer etwa 9 Minuten)

-Scherbenhaufen-

Mit zitternden Fingern griff ich nach dem riesigen Glassplitter, der sich von oben durch meine Hand gebohrt hatte und dessen Spitze in der Mitte meiner Handfläche herausragte. Meine Finger rutschten ab, als ich versuchte, ihn herauszuziehen, es war zu schmerzhaft. Wie Espenlaub zitterte mein Körper, Tränen liefen mir die Wangen herunter. Ich wickelte den Umhang um meine freie Hand und wagte einen zweiten Versuch. Endlich bekam ich dieses verdammte Ding herausgezogen, woraufhin ein Schwall Blut aus der Wunde spritzte. Ich warf die Scherbe auf einen Haufen Glas in der Nähe.

»Oh Gott«, keuchte ich.

Mir war hundeelend. Schnell löste ich die Krawatte der Schuluniform und wickelte sie mir um die Wunde. Sie würde schon wieder heilen. Mit der anderen Hand rüttelte ich an Ethans Schulter: »Wach auf!«

Besorgt untersuchte ich ihn, da er sich nicht rührte. Seine Hände fielen schlaff von der Wunde der linken Körperseite ab. Seine Kleidung war blutdurchtränkt, ich konnte nicht ausmachen, wie groß die Verletzung war. Ich hörte das Flattern der Drachen, die über der Stadt kreisten. Wahrscheinlich betrachteten die drei zufrieden, was sie angerichtet hatten. In der Ferne schrien so viele Stadtbewohner. Es war gruselig.

Die Morgenröte tauchte die Umgebung in ein unheilvolles Magenta, das sich von den Scherben am Boden widerspiegelte. Ein verhängnisvoller Sog lag in der Luft, das Flirren des beginnenden Zaubers war deutlich spürbar. Die Härchen an meinen Armen stellten sich auf und obwohl ich Angst davor hatte, sah ich auf den Timer am Armband.

Noch vierzig Sekunden.

Ein merkwürdiges Zischen erklang erst ganz leise und wurde immer lauter, vermischte sich mit dem Geruch versengter Haut. Oh Gott, Ethan musste aus dem Licht!

»Ethan, wach auf!«, schrie ich mit rasendem Herzen.

Mit wackeligen Knien schaffte ich es, aufzustehen. Ich schlüpfte aus den Umhang und warf ihn wie eine Leichendecke über ihn, um ihn vor dem Licht zu schützen. Verzweifelt visierte ich die halb weggebrochene Garage an, ich konnte ihn vielleicht durch das Loch in der Wand in den Schatten ziehen. Hastig packte ich ihn unter den Schultern und zerrte an seinem Körper. Er war zu schwer, er war viel zu schwer.

»Komm schon, hilf ein bisschen mit!«, stöhnte ich verzweifelt.

Ich kam nur zentimeterweise von der Stelle.

Ich hatte keine Zeit mehr! Es war mir scheißegal, dass ich hier eingesperrt wurde. Ich wollte in diesem Moment nur verhindern, dass er stirbt.

Er durfte nicht sterben. Nicht weil er mich gerettet hatte! Nicht schon wieder!

Das würde ich nie überleben. Ich hatte es nicht verdient, dass noch jemand für mich dahinschied.

Mir war, als hörte ich das Flüstern der Orakel, obwohl sie am anderen Ende der Stadt waren. Gleich war die Versiegelung abgeschlossen.

Vielleicht konnte mein Blut ihn wieder erwecken. Ich legte mich zu ihm, rutschte ganz dicht an ihn ran und kroch zu ihm unter den Umhang. Er atmete nicht.
War er schon tot?

Die Krawatte, die ich mir beim Zerren an seinem Körper ohnehin schon halb abgerissen hatte, schob ich bei Seite und drückte ihm meine blutende Handfläche an den Mund.

»Ethan, bitte trink!«, rief ich.

Seine Lippen waren schlaff, noch immer sickerte Blut aus seinem Mund, während ich versuchte, ihm meines einzuflößen.

»Du kämpfst ohne Probleme gegen eine Kompanie von Lichtbringer Vampiren, aber kaum regnen ein paar Scherben auf dich, machst du schlapp?« Ich wischte mit der Hand über seinen Mund, in der Hoffnung, dass das Blut in seinen Rachen tropfte.

Mir war, als spannte sich sein Körper, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Mit aller Kraft drückte ich gegen den Handrücken, um mehr Blut aus der Wunde zu träufeln. Ich schnaubte vor Schmerzen und bemühte mich, nicht zu schreien.

»Bitte, tu mir nur noch diesen einen Gefallen und wach auf. Ich verspreche dir, ich werde dir nie wieder mit einem Pflock zu nahe kommen!« Ungeduldig bewegte ich die Hand auf seinen Lippen.

Er schluckte.

Ich hörte es ganz deutlich.

Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen.

Seine Lippen drückten sich leicht an meine Hand und er saugte an der Wunde. Ich spürte seinen Atem auf der Haut, merkte, wie mein Blut ihn stärkte. Seine Hände umfassten meinen Arm, er trank schnell. So schnell, dass die Schmerzen mir den Atem raubten. Ein zerreißender Schmerz durchfuhr mich, als er seine Vampirfänge zusätzlich in mein Fleisch stieß.

»Wir müssen rein,… der Sonnenaufgang«, warnte ich ihn unter Tränen.

Mir wurde schwindelig, obwohl ich auf dem Boden lag, drehte sich mir alles.

Hab keine Angst‹, erwiderte er telepathisch.

Ich spürte die Schwärze einer Ohnmacht nahen. Der Singsang der Orakel vermischte sich mit dem Drachengebrüll zu einer unerträglichen Kakophonie. Mir fehlte die Kraft, um Angst zu haben. Ich spürte, dass die Zeit ablief.

Der Timer des Armbands piepste leise. Ich wusste, wir hatten nur noch fünf Sekunden bis zur Versiegelung.

Bis zum Sonnenaufgang.

Würde der Umhang ihn schützen.

»Geh in den… Schatten«, keuchte ich mit letzter Kraft.

Ich hörte ein unbeständiges Flattern von Flügeln, klackernde Laute und spürte, dass der Umhang weggerissen wurde.

Oh nein!

Jemand nahm mich auf den Arm, meine Beine und Arme hingen schlapp herunter. War das Ethan?

Wie in einem schrecklich langen Traum, in dem man versucht aufzuwachen, in dem man die Augen aufreißt, zwang ich meinen Körper dazu die Lider zu öffnen. Wind drückte sich auf mein Gesicht, der Boden hatte sich von mir gelöst und ich sah nichts als Fledermäuse um mich herum. Wir flogen, ich glaubte zu wissen, dass wir wie ein Geschoss in die Höhe flogen, aber das machte keinen Sinn. Das Piepsen des Timers verging.

Alles wird gut‹, ließ Ethan mich wissen.

Er sah zu mir herunter, sein Gesichtsausdruck war ernst. Seine Augen glänzten.

Plötzlich war unter mir nichts als Leere. Ich fiel in die Tiefe. Er hatte mich mitten im Flug losgelassen. Ich sah den sich um ihn kreisenden Ball von Fledermäusen, der sich in unglaublicher Geschwindigkeit von mir entfernte.

Wir waren längst weit über die ehemalige Kuppelüberdachung hinaus geflogen und er driftete nach rechts hin weg und in seinem Schutzschild dem Sonnenaufgang entgegen. Wie in Zeitlupe starrte ich geradeaus in die Höhe, sah ihn sich aus dem Augenwinkel entfernen. Mein Körper passierte die Höhe der ehemaligen Kuppel, ich nahm das Kraftfeld wahr, das sich um die Stadt bildete. Es leuchtete purpurfarben und breitete sich wie ein Lauffeuer an der Stelle aus, wo zuvor das Glasdach positioniert war.

Das hatte ich verdient. Ethan hatte Recht. Alles würde gut werden.

Gleich war es mit mir vorbei.

Ich fürchtete mich nicht und gleichzeitig war ich vor Angst so starr, dass ich nicht fähig war zu schreien.

Plötzlich packte mich etwas mitten im Flug und riss mich wieder in die Höhe. Ich hing mit dem Oberkörper in riesigen Klauen.

Dominik.
Durch unsere körperliche Verbindung spürte ich, dass er es war.

Der letzte Piepston des Armbands verklang und knapp unter meinen Schuhen schloss sich die Versiegelung der Zauberkuppel über der Stadt.

Meine Brust tat weh und wahrscheinlich war von dem Fang mein rechter Arm ausgekugelt. Die Beine schwangen hin und her, während er mit mir in den Sinkflug ging. Er heilte mich, während er flog. Diese Fähigkeit war mir neu. Sie verlieh mir neue Kraft.

Ich hätte wissen müssen, dass du Scheiße baust‹, grollte Dominiks Tierstimme in meinem Geist.

In sicherer Entfernung von der Stadt ging er in den Sinkflug und ließ mich in den Dünen des Refugiums fallen. Ich landete in einem Büschel hoher Grashalme zwischen zwei weichen Sandbergen. Sein massiver Drachenkörper landete nur wenige Meter entfernt, was den Boden erschütterte. Die Morgenröte legte sich glänzend warm auf sein Gesicht, als er zu mir kam und mich mit Leichtigkeit mit einem Arm auf die Beine zog.

»Bist du in Ordnung?«, vergewisserte er sich.

Ich betrachtete meine verheilte Hand und war sichtlich beeindruckt. Als Drache waren seine Heilkräfte sehr viel stärker und schneller, als in seiner Lichtbringergestalt. Ich klopfte mir den Sand von der Kleidung und nickte: »Ja, ich glaub schon.«

Er half mir aus dem unebenen Gelände und wir setzten uns auf einen breiten Stein, dessen Form an eine Parkbank erinnerte.

Ich atmete tief durch und betrachtete den Himmel. Ethan war längst über alle Berge. Dafür tauchten die Drachengestalten von Hayley, Draca und Adalar am Horizont auf und steuerten auf uns zu.

Enttäuschung breitete sich in mir aus. Ich konnte noch nicht ganz zuordnen, ob ich wegen der Rettung frustriert war oder wegen Ethan.

»Warum hat er mich fallen lassen?«, fragte ich Dominik, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden.

Die warmen Sonnenstrahlen blendeten mich.

Dominik betrachtete mich schweigend, so als dachte er darüber nach, was er antworten sollte. »Das war seine einzige Chance, mir zu entkommen. Er hat mich kommen sehen. Wenn er dich nicht fallengelassen hätte, hätte ich ihn erwischt.«

»Wie hast du es hierher geschafft? Ich dachte, meine Vampirtochtertricks sind unschlagbar und du würdest mindestens bis zum Mittagessen durchschlafen.« Ich rang mir ein Lächeln ab und warf einen unauffälligen Blick über meine Schulter zum Outsider.

Mist, schon geschlossen.

»Everly hat mich telepathisch geweckt. Irgend ein Orakelding. Sie hat mir erzählt, dass du in die Stadt bist und sie keinesfalls Draca und die anderen kontaktieren konnte. Hätte auch nur einer von den dreien gefehlt, hätten sie die Kuppel nicht zerstören können.«

»Du warst innerhalb von vier Minuten da«, wusste ich.

Er zwinkerte mir mit einem Auge zu: »Naja, ich kann ziemlich schnell fliegen, wenn ich will.«

Mir war nicht nach Witzeln zu Mute, trotzdem legte ich meine Hand in seine und drückte sie leicht. »Danke.«

Ich wusste nicht wirklich, ob ich ihm dankbar war. Aber ich wusste zu schätzen, dass er mich retten wollte.

Dominik nickte lächelnd, nahm die Hand aus meiner und zog sein Armband von meinem Handgelenk. Er streifte es sich über und legte mir den Arm um die Schultern. So zog er mich ein Stückchen näher an seine Seite und lehnte die Schläfe an meine.

»Du kannst einem echt auf die Nerven gehen«, meinte er grinsend.

Hayley, Draca und Adalar landeten am Strand. Für einen Moment wurde es windig und schattig. Sogar auf dem Stein sitzend spürten wir die Vibration der Erde unter der Landung ihres Gewichts. Sie verwandelten sich in ihre Menschengestalten zurück und kamen zu uns.

»Ich wusste doch, ich habe dich am Stadteingang gewittert!«, schimpfte Draca sofort los, noch ehe er bei mir ankam.

»Verdammt, deine Schwester bedeutet nichts als Ärger – dabei hab ich das früher immer über meine Schwester gedacht!«, lachte Adalar ausgelassen.

Hayley kam zu mir gelaufen, hockte sich vor mich und nahm meine Hände. Sie sah mir forschend in die Augen: »Gwen, bist du in Ordnung?«

Dominik nahm den Arm von mir. Ich nickte Hayley zu und ließ mich von ihr in eine Umarmung ziehen. In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß und mir schossen wieder Tränen in die Augen.

Dominik, bitte besänftige mich‹, bat ich ihn.

Ich wollte jetzt nicht vor ihnen heulen. Ich hatte doch gar keinen Grund dazu.

Eine Sekunde später spürte ich Dominiks Hand an meinem Rücken und eine Wärme, die von dort aus in meinen Körper und direkt in mein Herz strahlte.

Die Lichtbringerkraft ummantelte die Melancholie mit einem Zuckerwattebausch. Es war ein surrealer innerer Frieden. Doch er tat gut.

»Er ist weg«, klärte Dominik die anderen auf.

»Ethan?«, vergewisserte Adalar sich ungläubig.

»Jap, in letzter Sekunde geflohen, bevor die Versiegelung funktionierte.« Dominik seufzte.

»Das war nach Sonnenaufgang. Dieser Mistkerl mit seinem Fledermaustrick.« Adalar war sauer.

»Er wird sich in Immerherz nicht lange verstecken können. Seine Vampiraura ist wie ein Leuchtfeuer für alle Lichtbringer. Den finden wir schnell wieder.« Draca schien sich keine Sorgen zu machen.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, was geschah, wenn es zu einem erneuten Kampf kam.

Seine Stimme klang in meinem Kopf wider. Er hatte mir gesagt, dass alles gut werden würde. Vielleicht weil er wusste, dass wir jetzt den Drachenzauber zu Ende bringen konnten.

Angesichts der Geschehnisse war er zumindest ein fairer Verlierer.

Und immerhin war er nicht tot.

Warum konnte ich mich über nichts davon freuen? Wieso fühlte sich mein Leben wie ein Scherbenhaufen an?

Hayley löste sich aus der Umarmung und blickte mich aus gütigen Augen an. »Ich weiß, du wirst uns das nicht so leicht verzeihen können. Vielleicht kannst du eines Tages sehen, weshalb wir uns für die Versiegelung entschieden haben. Ich hoffe, wenn die Zeit deine Wunden geheilt hat, verstehst du irgendwann, welche Aufgaben uns aufgebürdet sind. Und dass wir nicht immer im persönlichen Interesse handeln können. So sehr wir es auch wollten. Ich werde immer deine Freundin sein, Gwen. Auch wenn du es gerade nicht so spürst.«

»Na komm, wir haben noch was zu tun, Schwesterchen!« Draca drängte sich dazwischen und zog mich von dem Stein hoch.

Er umarmte mich ebenfalls und küsste mich auf die Stirn. Das war seine Art zu sagen, dass ich ihm ebenso wenig gleichgültig war. Und vielleicht spielte auch sein schlechtes Gewissen mir gegenüber eine Rolle.

Ja, wir hatten noch was zu tun. Wir hatten einen Bruder wiederzuerwecken.

  • Gibt es nun endlich das lang ersehnte Wiedersehen mit Godric?
  • Schreib es in die Kommentare!
  • Beachte bitte, dass der Blog-Roman die Rohfassung und völlig unbearbeitete Version des Buches ist, Fehler kommen demnach garantiert vor 


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