Neunzig Sekunden hinter einem Blatt
Das leere Blatt gleitet auf den Tisch.
Langsam.
Wie ein Umschlag, den man ihr hinschiebt, damit sie mich in Ruhe lässt. Nur, dass ihr niemand Geld gegeben hat.
Sie haben ihr gar nichts gegeben.
Nicht mal eine Erklärung.
Ich bemerke, wie Joosam sich mein Headset rauszieht und zu uns rüber sieht.
Scheiße.
»Was soll das?«, sage ich scharf.
Nicht zu ihm. Zu dem Mitarbeiter. Zum Manager.
Zu mir selbst.
Manager Hyung antwortet sofort. Ruhig. Kontrolliert. Genau wie immer.
»Setz dich kurz.«
Ich lache trocken auf.
Setz dich kurz.
Als wäre das hier irgendein verdammter Zeitplan.
Ich bleibe stehen. Direkt zwischen meinem und Samins Platz.
Er tritt mich sanft unter dem Tisch, weil ich zu laut bin. Dabei macht er perfekt charmant mit seinem Endevy im Videocall weiter, als würde um ihn herum nicht die Hölle losbrechen.
Ich gehe einen Schritt von seinem Tisch weg.
»Sie hat nichts gemacht«, sage ich. »Gar nichts.«
»Darum geht es nicht.«
Natürlich geht es nicht darum.
Es geht nie darum.
Ich fahre mir durch die Haare, trete einen Schritt zurück, dann wieder vor.
Stoße gegen Samins Tisch. Sein Bildschirm wackelt.
Zu viel Energie. Kein Ventil.
»Echt jetzt, Sungui«, moppert Samin und überspielt es eine Sekunde später wieder einnehmend mit einem Lachen.
Seine Worte fliegen an mir vorbei. Ich sehe nur Manager Hyung und den Staff.
»Ihr habt den Call gesehen«, fahre ich fort. »Sie hat nicht mal—«
Ich breche ab.
Weil ich weiß, dass es nichts bringt.
Weil ich genau weiß, wie das hier läuft.
»Sungui, wir haben darüber gesprochen«, erinnert Manager Hyung mich.
Übersetzung: Er hat gesprochen, ich musste folgen.
Direkt nach der Tour.
Ich hab mich allem ergeben.
Aber jetzt weiß ich nicht mehr, ob das die richtige Entscheidung war.
Ich weiß gerade gar nichts mehr.
Nur dass sie da war. Dass ich ihre Stimme gehört habe.
Ihren Blick gesehen habe.
Ihre Augen haben geglänzt. Nicht vor Freude.
Vor Schmerz.
»Das war im letzten Jahr, seitdem ist viel Zeit vergangen.«
Ich seufze.
Zeit, in der wir nichts voneinander gehört haben. Vergeudete Zeit.
»Nicht genug«, meint Hyung.
Ich will etwas erwidern.
»Du hast sie erkannt«, sagt eine Stimme neben mir.
Ich drehe den Kopf.
Einer vom Staff. Jünger. Nervös.
Ich starre ihn nur an.
Ja.
Ich habe sie erkannt.
Als hätte ich sie je nicht erkennen können.
Er hat keine Ahnung. Weiß nur, worauf er achten soll.
Mein Blick wandert ungewollt zurück zum Monitor.
Schwarz.
Zu spät.
Zu kurz.
Zu viel.
Und nicht den Ansatz einer Erklärung.
Das, was sie eigentlich verdient hätte.
Ich sehe sie trotzdem noch vor mir.
Ihr Gesicht.
Schmaler.
Die Wangen eingefallen.
Die Augenringe, selbst unter dem Make-up.
Scheiße.
Ich presse die Lippen aufeinander.
»Der Call ist vorbei«, sagt Manager Hyung ruhig.
Als müsste er es mir erklären.
Als hätte ich es nicht verstanden.
Ich lache leise. Zynisch.
»Für sie nicht.«
Stille.
Ganz kurz.
Dann: »Wir können das nicht riskieren.«
Ich balle die Hand zur Faust.
»Was genau?«, frage ich.
Keine Antwort.
Natürlich nicht.
Ich gehe einen Schritt auf ihn zu.
»Sie hat Geld bezahlt«, sage ich. »Viel. Du weißt, wie diese Events funktionieren.«
Er sieht mich an.
Und ich sehe es.
Er weiß es.
Natürlich weiß er es.
»Und trotzdem—«
»—ist das hier keine private Angelegenheit«, unterbricht er mich.
Da ist er wieder.
Dieser Ton.
Diese Grenze.
Ich lache wieder. Leiser diesmal.
Zu laut für Samin. Er räuspert sich auffällig hinter mir.
»Ach nein?«, murmle ich.
Mein Blick fällt auf das Headset in Joosams Händen, als er sich zurücklehnt.
Er sagt nichts.
Nur ein kurzer Blick zu mir.
Zu viel gesehen.
Wie immer.
Ich atme durch. Einmal. Tief.
Bringt nichts.
»Sie hätte nicht hier sein dürfen«, sagt jemand hinter mir.
Und da ist er.
Der Frust.
Endlich.
Ich drehe mich halb.
»Dann wäre ich besser auch nicht hier«, sage ich.
Zu schnell.
Zu ehrlich.
Ein Fehler.
Ich merke es sofort.
Stille.
»Min Sungui«, zischt Hyung zurück.
Scheiße.
Ich fahre mir wieder durchs Haar, langsamer diesmal.
Kontrollierter.
»Setz dich wieder hin«, fordert er mich auf.
Es klingt wie ein Befehl.
Alles in mir sträubt sich dagegen.
Ich beiße so fest meine Zähne zusammen, dass mein Kiefer knirscht.
Wir starren uns gegenseitig an.
Jemand wirft ein Päckchen Taschentücher nach uns. Es kommt von Jeongwons oder Hakkus Tisch.
Es fliegt an meiner Schulter vorbei, prallt an Manager Hyungs Brust ab und geht zwischen uns zu Boden.
Direkt neben meinem Stolz.
Jetzt steht Samin von seinem Platz auf, zieht sich das Headset raus und fragt: »Hyung, Sungui – könnt ihr das nicht draußen besprechen?«
»Schon gut, setz dich wieder hin«, beschwichtigt unser Manager ihn und hebt die Taschentücher auf.
»Warum jetzt?«, murmele ich mehr zu mir selbst als zu irgendwem hier.
Vier Monate.
Kein Wort.
Und dann das.
Ein Call.
Kein Text. Kein Anruf.
Ein verdammter Fancall.
Ich schließe kurz die Augen.
Neunzig Sekunden.
Und ich schaffe es nicht mal, sie zu Ende zu bringen.
Mein Kiefer tut weh und ich versuche ihn zu entspannen.
Ich sehe sie wieder.
Wie sie mich ansieht.
Nicht wütend.
Nicht laut.
Einfach—da.
Und das ist schlimmer.
Viel schlimmer.
»Geht es dir gut?«
Ich stoße die Luft aus.
Natürlich.
Natürlich fragt sie das.
Nicht warum.
Nicht was.
Sondern—das.
Ich lache leise auf.
Kopfschüttelnd.
»Idiot«, murmele ich.
Ich weiß nicht mal, ob ich mich meine.
Oder sie.
Oder uns beide.
Mein Blick fällt wieder auf den Bildschirm.
Leer.
Ich denke daran, wie sie da saß.
Allein.
Mit den perfekt geglätteten Haaren.
Dem makellos inszenierten Make-up, das sie edel und gleichzeitig natürlich wirken lässt. Und sie trotzdem verraten hat.
Ihre Gebrochenheit.
Ihre Müdigkeit. Ihren Stress.
Ihre Traurigkeit.
Wegen mir.
Als hätte sie sich Mühe gegeben, sich nichts anmerken zu lassen.
Für mich.
Scheiße.
Ich schlucke.
Zu trocken.
Zu eng.
Hat sie geschlafen?
Sie sah nicht so aus.
Zu müde.
Zu dünn.
Zu—
Ich breche den Gedanken ab.
Zu weit.
Ich gehe ein paar Schritte vom Tisch weg.
Mehr Abstand.
Bringt nichts.
»Wir müssen weitermachen«, sagt jemand.
Natürlich.
Plan.
Zeit.
Nächster Fan.
Nächster Videocall.
»Setz dich, Sungui. Na komm.« Manager Hyungs Stimme ist jetzt einlenkender. Ein bisschen verständnisvoll, ein bisschen tröstlich. Er klopft mir leicht auf den Rücken.
Er weiß, dass das bei mir wirkungsvoller ist als sein Autoritätston.
Ich nicke.
Automatisch.
Setze mich.
Spüre Samins und Joosams beobachtende Blicke.
Stöpsel das Headset wieder in die Ohren.
Meine Hände sind ruhig.
Zu ruhig.
Als wäre nichts passiert.
Als wäre sie nie da gewesen.
Bullshit.
Ich starre auf den nächsten schwarzen Bildschirm.
Warte, dass er anspringt.
Warte, dass jemand anderes auftaucht.
Und alles in mir fühlt sich falsch an.
Weil ich genau weiß— dass ich keine Ahnung habe, wie ich ihr das jemals erklären soll.
Und noch weniger, wie ich aufhören soll, darüber nachzudenken, ob sie trotzdem noch…
Ich blinzle.
Der Bildschirm geht an.
Ich lächle.
Wie immer.
Jetzt kennst du beide Seiten.
Sie sah nur ein leeres Blatt.
Du weißt jetzt, was dahinter passiert ist.
Neunzig Sekunden.
Vier Monate Schweigen.
Lina wollte nur eine Antwort.
Sungui hatte nicht einmal die Chance, sie ihr zu geben.
Doch manche Geschichten enden nicht mit einem leeren Bildschirm.
Finde heraus, was nach dem Fancall wirklich passiert.
Falling For Them – Zwei Idols und eine Entscheidung.
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