✦ FALLING FOR THEM ✦

Neunzig Sekunden hinter einem Blatt

90 SEKUNDEN
LESEPROBE 02 / 03
K-POP ROMANCE BACKSTAGE
Kapitel beginnen
02
LESEPROBE
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FALLING FOR THEM · ZWEI IDOLS & EINE ENTSCHEIDUNG

Normalerweise trinke ich nicht. Aber an dem Soju im Asia Shop konnte ich nicht vorbeigehen. Weil der Tag beschissen war. Die Woche. Der ganze verdammte Monat. Der Monat davor. Und der davor.
Und weil ich heute Silvester feiere.
Allein.

Auf dem Laptop läuft ein Endeve!-Konzert. Das, was nach der Tour im Kino rauskam. Das, zu dem Marie mit mir gehen wollte. Ich konnte nicht.
Ich wollte nicht.
Ich will nicht, dass mich jemand in meinem Elend sieht. Sieht, wie sehr mich das alles zerlegt.

Dreieinhalb Monate seit unserer Verabschiedung.
Aber nichts ist geblieben, außer den Alpträumen mit der Schere.
Und der kleinen grauen 1 in KakaoTalk.

Meine Mutter, mein Stiefvater und Sophie sind bei Freunden auf einer Feier.
Marie ist auf einer Studentenparty. Sie hat zwei Mal halbherzig gefragt, ob ich mitkommen möchte. Aber diese Büroleute, diese Ich-hab-mein-Leben-total-durchgeplant-und-im-Griff-Mädels… ich kann mit ihnen nichts anfangen. Marie schon.

Sie hat in ihrem Zimmer alle Poster abgehangen.
Von Samin. Von Hyeoncheol.
Sie räumt Endeve! aus ihrem Leben, Stück für Stück. Wie einen Fehler.
Wie Sungui mich.

Aber ich trete auf der Stelle.
Ich spüre es an Kleinigkeiten.
Daran, dass ich jeden Tag gleich beginne.
Daran, dass ich abends nicht weiß, was ich getan habe.

Ich brauche einen Abschluss, um weiterzugehen.
Ein klärendes Gespräch.
Ein Warum.

Draußen zündet jemand einen Chinaböller. Ich zucke kurz zusammen und schaue unwillkürlich auf die Uhr. Fünfzehn Minuten bis Mitternacht.
Mein Brustkorb brennt – vom Soju und vor Einsamkeit.

Sungui rappt auf dem Bildschirm. Irgendwo in Japan beim Tourstart. Bevor wir uns kennengelernt haben.
Ich fülle mein Glas und trinke es in einem Zug leer.
Es brennt in der Speiseröhre.
Kurz ist alles dumpfer.
Die Realität.
Der Schmerz.

Ich darf mir das einmal erlauben.
Nur einmal abstürzen.
Wann geht das besser als an einem einsamen Silvesterabend?

Ich frage mich, ob er an Mitternacht jemanden küsst.
Eine andere.
Nein. Den Gedanken verwerfe ich sofort wieder.
Ich will ihn nicht denken.
Außerdem ist in Korea Mitternacht schon vorbei.
Alles schon gelaufen.

Mehr Soju.

Sungui flirtet auf dem Bildschirm.
Ich knurre und nehme mein Handy. Suche bei Instagram nach den handelsüblichen Geschmacksrichtungen von Soju.
Als Ablenkung.

Und dann bleibt mein Blick hängen.
Die Werbeanzeige: ›Gewinne einen Videocall mit Endeve!‹.
Darunter, kleiner gesetzt: ›Nur für kurze Zeit. Teilnahmezeitraum bis 3. Januar, 23:59 KST.‹

Ich starre auf die Anzeige.
Nicht lange. Aber lange genug, um zu wissen, dass ich sie nicht ignorieren werde.

Ein Videocall.
Mit Endeve!.

Mein Daumen schwebt über dem Display.
Noch drei Tage. In Korea ist es schon morgen.

Ich scrolle weiter.
Zwinge mich, es zu tun. Ein Bild. Zwei. Ein Reel von jemandem, der sich an Silvester betrinkt und dabei lacht.

Ich scrolle zurück.

Das ist absurd. Ich weiß das.
Ein Videocall ändert nichts. Er bringt keine Antworten. Keinen Abschluss. Kein Zurück. Er bringt höchstens eine weitere Erinnerung, die sich festsetzt und nicht mehr loslässt.

Ich denke an mein Konto.
An die Miete.
An meine Mutter.
An den Schreibtischstuhl mit dem fehlenden Rad.
An die graue 1.

Ich weiß, wie diese Aktionen funktionieren.
Ich weiß, dass man Geld braucht.
Mehr, als man haben sollte.
Mehr, als vernünftig ist.

Das hier ist kein Zeichen. Kein Schicksal. Kein »Universum«.
Es ist Marketing.

Ich lache kurz auf. Trocken. Ohne Humor.
Und trotzdem fühlt es sich an, als wäre dies der einzige Schritt, den ich noch gehen kann, ohne stehenzubleiben.
Weil die Uhr läuft. Ob ich will oder nicht.

Ich denke an Marie. Daran, wie sie Poster abhängt. Daran, wie sie weitermacht, ohne sich umzudrehen.
Ich denke an Sungui. Nicht an sein Gesicht. Nicht an seine Stimme. Nur an das Schweigen.
Wie leicht er es sich macht.

Und irgendwo tief in meiner Enttäuschung brodelt Wut.
Auf ihn.
Auf mich selbst.
Weil ich ihn so vage hab davonkommen lassen.

Mein Brustkorb zieht sich zusammen.

Wenn ich es nicht versuche, bleibt alles so, wie es ist.
Wenn ich es versuche, verliere ich vielleicht Geld.
Oder Würde.
Oder beides.
Aber wenigstens verliere ich nicht noch mehr Zeit.

Mein Daumen senkt sich. Nicht entschlossen. Nicht zögerlich.
Einfach müde.
Klick.

Die Seite lädt.
Ein Shop. Kein Formular. Kein ›Jetzt teilnehmen‹.
Alben.

Ich scrolle.
Eine Version. Zwei. Drei.
Daneben ein Hinweis: ›Jedes Album zählt als eine Teilnahme.‹
Und darunter: ›Käufe außerhalb des Teilnahmezeitraums werden nicht berücksichtigt.‹

Das heißt: Jetzt. Oder gar nicht.

Mein Blick bleibt an den Mitgliedern hängen, die man auswählen kann.

Gewinne einen Videocall mit Jeongwon.
Wie Jeongwon?
Nein.

Ich scrolle weiter.
Joon.
Oh Gott, bloß nicht.

Weiter.
Yusan.
Hakku.

Ich halte kurz inne. Atme ein.
Weiter.
Joosam.

Mein Daumen stockt für einen Moment.
Ich sehe sein Lächeln vor mir. Dieses offene, warme.
Nein. Nicht deshalb.
Weiter.

Sungui.

Ich halte an.
Nicht bewusst. Mein Körper macht das für mich.

Sein Name steht da, schwarz auf weiß, als wäre er nichts Besonderes.
Kein Warnhinweis.
Kein bist du sicher?
Nur ein Auswahlfeld.

Ich denke daran, dass ein Album kaum etwas bringt. Dass die Chancen lächerlich sind. Dass Menschen hundert kaufen und trotzdem verlieren.
Ich denke an mein Konto. An die 850 Euro, die noch da sind. Die zwei anderen Gehälter sind weg. Weihnachten. Kleidung. Leben. Das hier ist alles, was bleibt.

Ich tippe auf 1.
Ein Album. Nur um es versucht zu haben.
Der Preis erscheint. Unauffällig. Bezahlbar.

Aber mein Blick rutscht wieder nach oben. ›Jedes Album zählt als eine Teilnahme.‹
Und irgendwo rechts oben ein Countdown, der mir sagt, dass ich keine Zeit habe, lange zu überlegen.

Ich rechne im Kopf. Nicht genau. Nur grob. Fünf wären besser. Zehn wären vernünftiger. Zwanzig würden wehtun.

Ich denke daran, wie lange ich schon warte. Wie viele Tage ich gezählt habe. Wie oft ich auf mein Handy gesehen habe, ohne dass etwas passiert ist.

Ich tippe auf das Plus.
Zwei.
Drei.
Fünf.

Mein Herz schlägt schneller, aber nicht vor Aufregung.
Vor Klarheit.

Ich halte inne. Sehe die Summe. Sie ist noch nicht schlimm. Noch nicht.
Aber ich weiß, dass ich gleich nicht mehr zurückgehen werde. Nicht, weil ich übertreibe – sondern weil die Zeit mir keine zweite Runde lässt.

Wenn ich es tue, dann richtig. Ich erhöhe die Anzahl. Nicht hastig. Nicht euphorisch.
Bewusst.

Als ich schließlich auf ›In den Warenkorb‹ tippe, fühlt es sich nicht an wie Hoffnung.
Und auch nicht wie Verzweiflung. Sondern wie der erste Schritt aus dem Stillstand.

Fünf Tage später, an einem Montagabend, der nicht schrecklicher hätte laufen können, bekomme ich eine E-Mail.
Ich rechne nicht damit.

Als die Mail kommt, halte ich sie erst für Spam.
Oder Werbung.
Oder irgendwas, das ich vor Tagen angeklickt habe und jetzt zurückbekomme.

Mein Blick bleibt an einem Wort hängen.
›Congratulations‹.

Ich starre es zu lange an.
Als würde es sich gleich von selbst korrigieren.
Tut es nicht.

Ich öffne die Mail.
›You have been selected for the ENDEVE! VIDEO CALL EVENT.‹

Mein Herz stolpert.
Nicht schön.
Nur… falsch.

Das ergibt keinen Sinn.
Und trotzdem steht es da.

Datum.
Uhrzeit.
Ein Ablauf.
18:40 KST.
Koreanische Zeit.

Ich rechne automatisch.
Minus acht Stunden.
Morgens in Deutschland.
Natürlich.

Ich blinzle.
Moment… mein Blick gleitet zurück zum Datum.
06.01.2026.
Morgen?
Scheiße.

Ich prüfe das Datum am Handy. Jap, morgen.
Morgen früh.
Oh Gott… ich hab gar keine Zeit um… mir zu überlegen, was ich sage.

Ich müsste eigentlich arbeiten.
Ich kann gar nicht. Ich muss… ich melde mich krank.

Mein Kopf fühlt sich heiß an.
Ich drücke den Handrücken gegen meine Wangen.
Vielleicht Fieber.
Oder einfach nur Panik.

Mein Herz rast auf einmal auch so.
Ich schlucke.
Scrolle weiter.

›Please be ready on KakaoTalk.
Please prepare your ID for verification.
Video call duration: approx. 90 seconds.‹

Neunzig Sekunden.
Ich lese den Satz noch mal.
Langsamer.
Neunzig Sekunden.

Ich lehne mich zurück.
Starre an die Decke.
850 Euro.
Für neunzig Sekunden.

Ein leises, trockenes Lachen rutscht mir raus.
Klar.

Warum sollte ich nicht ein Monatsgehalt ausgeben,
um neunzig Sekunden mit meiner Situationship zu sprechen?

Ich setze mich wieder auf.
Scrolle zurück.
Dann bleibe ich hängen.

Absendeadresse.
Ich kenne sie nicht.
Mein Puls zieht an.
Fake?

Ich öffne meine Mails.
Scrolle runter.
Suche.
Bestellbestätigung.
Da ist sie.

Gleiche Domain.
Gleicher Aufbau.
Ich öffne sie.

Und da ist sie wieder.
Die Zahl.
42.

Ich starre sie an, als hätte ich sie noch nie gesehen.
Zweiundvierzig Alben.

Ich erinnere mich genau, wie sie da stand.
Wie ich einfach weiter auf das Plus gedrückt habe.
Nicht schnell.
Nicht panisch.
Einfach—immer weiter.
Bis es sich… richtig angefühlt hat.

Ich atme langsam aus.

Ich bekomme zweiundvierzig identische Alben aus Korea zugeschickt.
Zweiundvierzig.
Was zur Hölle mache ich damit?

Mein Blick wandert zur Tür.
Zu dem Flur dahinter.
Meine Mutter.

Wenn sie das Paket annimmt…

Ich lache wieder.
Leiser diesmal.
Hysterischer.

»Ach Mama, ich hab übrigens mein ganzes Geld für K-Pop-Alben ausgegeben, damit ich neunzig Sekunden mit einem Typen reden kann, der mich ignoriert.«

Pause.
Perfekt.

Mein Blick bleibt hängen.
Marie.

Ich könnte ihr eins geben.
Oder fünf.
Oder zehn.

Ich sehe sie vor mir.
Ihr Zimmer.
Die Wand.
Leer.

Keine Poster mehr.
Kein Samin.
Kein Hyeoncheol.
Nichts.

Sie hat sie einfach abgenommen.
Als wäre das hier— vorbei.

Und ich?
Ich sitze hier und bestelle zweiundvierzig Alben.
Für ihn.
Für das hier.
Für— was genau eigentlich?

Ich starre wieder auf die Mail.
Auf die klaren, sauberen Anweisungen.

›Please log in 20 minutes before the event.‹

So nüchtern.
So organisiert.
Als wäre das hier nicht komplett irre.

Mein Blick rutscht zurück zur Uhrzeit.
Morgen früh.
Ganz normaler Tag.
Kein Drama.
Kein Schutz durch Dunkelheit.

Ich werde da sitzen.
In ein paar Stunden schon.
Hellwach.
Und ihm in die Augen sehen.

Ich drehe das Handy um.
Display nach unten.
Als würde das irgendwas ändern.
Tut es nicht.

Ich nehme es wieder in die Hand, öffne die Handykamera.
Prüfe, wie ich aussehe. Ob meine Haut rein ist. Ob ich genug Schlaf bekommen habe.
Habe ich nicht. Schon lange nicht mehr.

Ich träume von ihm.
Oder von der Sasaeng mit der Schere.
Manchmal von beidem gleichzeitig.

Mit einem Seufzen schiebe ich das Handy unter mein Kopfkissen.
Ich muss so schnell wie möglich versuchen, etwas zu schlafen. Damit ich morgen früh wenigstens nicht komplett tot aussehe.

Mein Herz schlägt immer noch zu schnell.
Und irgendwo dazwischen— ist da dieser Gedanke.
Ganz leise. Ganz klar.

Wenn das nichts ändert, war das alles umsonst. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Dass ich das glaube. Oder dass ich gerade merke, dass ich nicht bereit bin, es nicht zu glauben.

Etwa fünf unendlich lange Minuten nach dem Security-Check durch irgendeinen Mitarbeiter von KNY Entertainment sitze ich in einem Videocall mit schwarzem Bildschirm und ohne Ton. Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller.

Alles Mögliche geht mir durch den Kopf, inklusive dieser dummen Angst, dass mich jemand sieht. Ich sitze starr da, meine Hände sind eiskalt. Kämpfe gegen das Zittern meines Körpers an.

Angespannt starre ich abwechselnd von meinem Spiegelbild im schwarzen Bildschirm zu dem Handyhalterungs-Konstrukt, das ich spontan zusammengebaut habe. Ein Stapel Bücher, darauf das Handy an eine Tasse gelehnt, mit einem Haargummi am Henkel befestigt. Um die Hände frei zu haben – keine Ahnung wofür. Ich sitze an meinem Schreibtisch auf dem Bürostuhl mit dem fehlenden Rad. Ein Grund mehr, weshalb ich Bewegungen vermeide.

Was sage ich ihm?

Ich wollte es plotten, aber meine Gedanken wollten sich nicht formen – und ich kann einfach nichts einstudieren.
Ich mache mich darauf gefasst, dass es wehtun wird.
Auch wenn das irgendwie nicht geht.

Und vielleicht geht es ja auch gut aus. Vielleicht gibt es ja einen Grund für sein Verschwinden. Für sein Schweigen. Für das Blockieren.
Für das, was ich gerade daraus mache.

Ein paar Wochen hatte er gesagt.
Vor fast vier Monaten.

Ich weiß, ich kann nichts direkt aussprechen. Er wird unter Beobachtung stehen.
Aber vielleicht reicht es schon, dass er mich sieht.

Vielleicht kann er mir irgendetwas durch die Blume mitteilen.
Irgendetwas, das mir hilft zu verstehen.
Das mir signalisiert, es lohnt sich zu warten.
Dass er mich nicht vergessen hat.

Ich starre auf mein schmal gewordenes Gesicht im schwarzen Display. Unter der Schminke fallen meine Augenringe nicht so auf. Mein Haar frisch geglättet, mein helles Kostüm im Old Money Stil. Ich hoffe, es lässt mich selbstbewusst wirken. Nicht so schwach, wie ich mich fühle.

Ob er trotzdem sieht, dass ich mich verändert habe?
Dass es mir schlecht geht?

Der Bildschirm springt an.
Einen Moment bin ich geblendet von dem grellen Licht auf der anderen Seite.
Ich blinzle.

Und plötzlich ist er da.
Sungui.

Mein Herz setzt aus.
Nicht langsam. Nicht dramatisch.
Einfach weg.
Dann kommt es zurück. Zu schnell.

Er ist schon mitten in der Begrüßung, als er mich erkennt.
»Annyong«, startet er mit einem routinierten Lächeln.
»Wie geh…« Das Lächeln verfliegt.

Er stoppt mitten in der Frage.
Starrt mich an.

Ich starre zurück. Finde keine Worte. Nicht mal ein »hi«.
Ihn zu sehen tut so weh, dass es mich beinahe vom Stuhl haut.
Meine Finger drücken so fest die Tischkante, dass sie steif werden.

Er existiert also.
Er atmet.
Er lächelt – zumindest solange er mich nicht sieht.

Er hat Schatten unter den Augen. Trotz der Schminke.
Seine Wangen sehen eingefallen aus.

Sungui schluckt.
Seine Augen gleiten nach links an der Kamera vorbei. Nur für eine Sekunde.

»Lina«, sagt er dann. Es ist mehr Hauch als Stimme.

Und alles in mir wird weich.

»Geht es dir gut?«, höre ich mich fragen.
Nicht: Warum ghostest du mich?
Oder: Du bist mir eine Erklärung schuldig.

Nein, stattdessen mache ich mir Sorgen um ihn.
Und hasse mich selbst dafür, dass ich ihn wieder vor meine eigenen Bedürfnisse stelle.

Sein Mundwinkel fällt noch tiefer.
Er sagt nichts.
Bewegt langsam den Kopf von links nach rechts und wieder zurück.
Wie in Zeitlupe.

Mein Herz rast und tut gleichzeitig weh.
Ich will ihn umarmen.
Ihn ohrfeigen.
Alles auf einmal.

Ich höre eine Stimme.
Nicht seine. Er sieht wieder links an der Kamera vorbei.

Dann wandert sein Blick zur Seite.
Zu jemandem neben ihm.
Ich folge ihm.

Und sehe— Joosam.

Er sitzt leicht versetzt. Winkt jemandem in seinem eigenen Call und zieht das Headsetkabel aus dem Ohr.
Er hat längst nebenbei mitbekommen, dass Sungui nervös ist.

Joosam sieht ihn jetzt an, dann zu seinem Bildschirm – zu mir.

Mir wird heiß.
Zu heiß.
Das hier ist nicht richtig.
Gar nichts daran ist richtig.

Sungui atmet hörbar ein.
»Du solltest hier nicht—«
Er bricht ab.

Jemand tritt näher.
Ich sehe nur eine Bewegung am Rand.
Ein Schatten. Eine Hand.

Sunguis Blick kippt.
Wird enger. Kontrollierter. Verschlossen.

Er sagt etwas auf Koreanisch.
Leise. Zu schnell, um es zu verstehen.
Eine Antwort kommt sofort.
Schärfer.
Dann noch eine Stimme.
Mehr Druck.

Sungui lehnt sich minimal zurück, als würde ihn jemand zur Seite ziehen.
»Warte—«
Zu spät.

Ein weißes Blatt schiebt sich vor die Kamera.
Alles wird hell.
Leer.

Ich starre darauf.
Höre Stimmen im Hintergrund. Gedämpft.
Drei oder vier.
Koreanisch. Schneller jetzt.

Sunguis Stimme.
Ungehalten.
Nicht laut. Aber— anders.

Ich kenne diesen Tonfall. Die Ohnmacht in seiner Stimme.
Wie damals auf Tour.
Immer nur Machtlosigkeit.

In meiner Brust sticht es.
Mein Zittern wird stärker. Kloß im Hals.
Warum ist es so ein Verbrechen mit mir zu sprechen?

Ich atme schnell durch, damit keine Tränen kommen.

Dann Bewegung.
Das Blatt verrutscht leicht.
Nur ein Stück.
Genug.

Joosam beugt sich ins Bild.
Kurz. Kontrolliert.
Als würde er genau wissen, wie viel Zeit er hat.

Er stöpselt das Headset in seine Ohren. Sunguis Headset.
Sein Blick trifft meinen.
Ruhig.

»Hey Lina…«, sagt er leise.

Kein Lächeln.
Nicht wie sonst. Kein Golden Retriever vibe. Kein alles-wird-gut-Gesicht.
Er wirkt eher vorsichtig. Bedrückt.

Ich kann nichts sagen.

»…alles okay bei dir?«, fragt er.

Ich starre ihn an.
Natürlich ist nichts okay.
Aber ich nicke trotzdem.
Reflex.
»Ja.«

Er weiß, dass das gelogen ist.
Natürlich weiß er das.

Sein Blick flackert kurz zur Seite.
Zu dem, was außerhalb der Kamera passiert.
Dann wieder zu mir.

»Tut mir leid«, sagt Joosam.
Ruhig. Ehrlich.
Ohne Erklärung.

»Hier ist gerade…«
Er bricht ab.
Sucht nicht nach einer Ausrede.
Gut.

Ich hätte ihm sowieso nicht geglaubt.

Schnell wische ich mir mit den Fingern die Tränen weg, als er wieder zur Seite sieht.
Ich will nicht, dass er es mitbekommt.

Aber sein Blick ist schon längst wieder auf mir. Es sieht aus, als zwinge er sich, mich anzusehen. Er kneift kurz die Lippen zusammen. Ein Atemzug.

»Freut mich trotzdem, dich zu sehen.« Seine Stimme ist warm.

Und das trifft mich mehr als alles davor.
Weil ich weiß, dass er es so meint. Weil ich das Gefühl habe, dass ihm was an mir liegt. Während ich bei Sungui gar nichts mehr weiß.
Nur, dass meine Anwesenheit Diskussionen auslöst, die er nicht gewinnen kann.
Oder will.

Aber Joosam ist das egal. Um ihn herum brennt die Welt und er kümmert sich um mich.

»Danke«, krächzt meine Stimme und ich meine es so.

Sein Blick bleibt einen Moment länger auf mir.
Nicht drängend. Nicht suchend.
Einfach da.

Dann richtet er sich wieder auf.
Das Blatt kommt zurück ins Bild.

Ein Beeper ertönt.
»Die Zeit ist um.«

Die Stimme im Hintergrund.
Freundlich. Neutral.
Als wäre nichts passiert.

Das Bild wird schwarz.

Ich starre auf meine Reflexion.
Blass. Still.
Als hätte jemand einfach den Ton aus mir rausgedreht.

Tränen laufen über meine Wangen. Ein Zittern schüttelt mich.
Mein Herz schlägt noch.
Zu schnell.
Zu leer.

Kommt noch was?
Warum bin ich noch drin?
Kommt Sungui zurück in den Call? Inoffiziell?

Ich kralle mich vor Anspannung an die Tischkante.
Der Bildschirm bleibt schwarz.

Ich warte.
Eine Sekunde.
Zwei.

Vielleicht kommt er zurück.
Klick.
Verbindung getrennt.

Ich fliege aus der Leitung.
Das war’s also.
Kein Abschied.
Kein Nachsatz.
Nicht mal eine offizielle Verabschiedungsmessage im Chat.

Lina, das war dein 850 Euro-Gespräch.
Du Idiotin.

Stille.

Für eine Weile sitze ich einfach nur da.
Und hoffe immer noch.
Auf eine heimliche Nachricht.
Von ihm.

Aber sie kommt nicht.
Nur Gedanken, die nicht leiser werden.

Enttäuschung.
Wut.
Ein bisschen Fassungslosigkeit.
Und Reue.

Ich lehne mich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück.
Stoße ein ungläubiges »tss« aus.

Für eine Sekunde vergesse ich das fehlende Rad.
Der Stuhl kippt plötzlich zur Seite.
Ich versuche, mich noch an der Tischkante festzuhalten, bekomme sie nicht richtig zu fassen und falle auf den Boden.

Rumms.

Meine komplette linke Seite schmerzt sofort.
Ich bleibe liegen.
Atme.
Und fange an zu heulen.

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LESEPROBE 02 / 03

Und dann wird alles weiß.

Neunzig Sekunden sollten endlich Antworten bringen.
Stattdessen bleibt nur ein leeres Blatt.

01 42 Chancen
02 90 Sekunden
03 Hinter dem Blatt
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✦ BACKSTAGE ACCESS

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