Neunzig Sekunden hinter einem Blatt
Der Schmerz kam wie ein Angriff.
Roh. Brutal. Unausweichlich.
Nicht langsam.
Nicht angekündigt.
Er ist weg. Und ich bin hier.
Allein.
Tage sind vergangen seit dem Abschied am Flughafen. Erst.
Nicht viele. Aber genug, dass der Schutz nachlässt.
Ich spüre Sunguis Abwesenheit mit jedem Atemzug. Mit jedem Gedanken.
Und das Schlimmste ist: Ich höre einfach nichts von ihm. Keine Nachricht nach dem Flug, er sei gut angekommen. Ich habe ein Video bei Dispatch gesehen. Sungui. Am Flughafen. Umringt von Kameras.
Er sah müde aus. Abwesend. Joosam hat in die Kamera gewunken. Jeongwon auch. Sungui hat weggesehen.
Und jetzt sieht er immer noch weg.
Meine Brust tut weh. Wie ein immerwährendes Zusammenziehen.
Heiß. Quälend.
Als würde etwas in mir permanent gegen sich selbst drücken.
Alles, was ich beim Abschied ausgeblendet habe, kommt zurück. Schlimmer mit jedem Atemzug.
Ich zwinge mich zum Essen.
Dazu, Wasser zu trinken.
Und meine Mutter nicht anzuschreien, dass mir ihre Moralpredigten egal sind. Als ich zurückgekommen bin, hat sie auf mich eingeredet. Sie war wütend. Nicht laut. Aber unerbittlich.
Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen.
Und jetzt bin ich hier.
Tag und Nacht.
Es ist mir egal, wie oft meine Mutter durch die Tür mit mir spricht.
Sie fragt, was jetzt mit meinem Job sei. Ob ich mich bewerbe. Was aus meinem Leben werden soll.
Ich bin nicht in der Lage zu antworten.
Manchmal sitze ich stundenlang auf dem Bett und starre die Tür an. Auch wenn meine Mutter schon längst nicht mehr mit ihr spricht.
Damit ich nicht auf die Endeve!-Poster schauen muss. Damit ich Sungui nicht ansehen muss. Wie er mir von der Wand herunter zulächelt, als wäre nichts gewesen.
Du hast leicht lächeln, Sungui.
Auf dem Foto weiß er noch nichts von mir.
Nichts von Berlin.
Nichts von einem Hotelzimmer.
Nichts von einem Abschied, nach dem er einfach verschwinden wird.
Irgendetwas keimt in mir. Ich weiß nicht, was es ist. Nur, dass es keinen Namen hat.
Aber ich hasse diesen Zustand.
Die Leere wird vom Schmerz verdrängt. Manchmal kann ich kaum atmen vor lauter Weinen. Ich lege mein Gesicht dann aufs Kissen, weil ich nicht will, dass sie mich hören. Mama oder Sophie.
Ich will diese verdammten Fragen nicht mehr.
Nicht, wenn ich selbst keine Antworten habe.
Ich wünschte, er würde endlich anrufen. Oder schreiben. Einfach nur ein Emoji schicken. Irgendein Lebenszeichen.
Aber Sungui bleibt stumm.
Was, wenn es wirklich wochenlang dauert, so wie er angedeutet hatte?
Halte ich das aus?
Wie lange kann ich hier so sitzen und auf die Tür starren?
Zwei Wochen? Drei?
Oder so lange, bis nichts mehr von mir übrig ist außer Warten?
Ich weiß nicht, der wievielte Tag es ist, als ich eine andere Stimme durch die Tür höre. Nicht meine Mutter.
Marie.
Sie klopft zart.
»Lina, kann ich rein?«
Ich bin überfordert.
Nicht mit ihr. Mit der Tür.
Noch ein Klopfen. »Ich bin’s, Marie.«
Ich weiß.
Mein Körper steht vom Bett auf und geht zur Tür. Wie fremdgesteuert.
Und dann steht Marie vor mir.
Im Hintergrund sehe ich ihre Mutter und meine Mutter, wie sie sich bereits in Richtung Küche bewegen. Kaffeetrinken. Normalität.
Und ein neugieriger Blick von Sophie.
Ich ziehe Marie ins Zimmer und knalle meiner Schwester die Tür vor der Nase zu.
Klick.
Der Schlüssel dreht sich zu laut im Schloss. Zu endgültig.
Er fühlt sich heiß an.
Für einen Moment bin ich nicht mehr hier.
Ich denke an das Hotelzimmer. An das Sasaeng-Mädchen. Jisoo.
An den Moment, als der Schlüssel der Badezimmertür auf die Fliesen gefallen ist.
Ich höre das Klirren.
»Lina, wann hast du zuletzt geduscht?« Marie steht dicht hinter mir und rümpft die Nase.
Ich öffne den Mund. Schließe ihn wieder.
»Ich glaube… in Berlin.«
Sie lässt sich aufs Bett fallen und blockiert meinen Platz.
Meinen Rückzugsort.
Ich fühle mich plötzlich verloren in meinem eigenen Zimmer.
Wie selbstverständlich setzt sie sich im Schneidersitz mitten aufs Bett, ihr Blick schweift über die Poster an der Wand.
»Das ist über eine Woche her, Lina.«
Ich sehe zum Kalender unter dem best friends-Poster von Sungui und Joosam. Sie hängen sich bei einem Fotoshooting Arm in Arm und schauen verliebt in die Kamera. Als wäre Endevy ihre gemeinsame Freundin. Was für eine Ironie.
Im Kalender habe ich ein kleines gebrochenes Herz an unseren Abschiedstag gemalt. Aber welcher Tag heute ist, weiß ich nicht.
Jeder Tag fühlt sich gleich an.
Nur schlimmer. Und länger.
»Ja, kann sein«, murmle ich zurück und sehe noch einmal zu Sungui und Joosam.
Auf einmal kann ich nicht mehr wegsehen.
Ich habe einen Kloß im Hals.
»Du kannst nicht die ganze Zeit hier drin sitzen«, meint Marie.
Irgendetwas knistert in ihrer Hand.
Lenkt mich endlich ab von den beiden Männern, die ich eigentlich gar nicht ansehen will. Keinen von beiden.
Sie öffnet einen Kinderriegel. Dann streckt sie ihn mir hin: »Hier, ein paar Endorphine.«
Meine Hand greift nach der Schokolade.
Und dann stehe ich verloren vor ihr. Ich sehe Sungui und Joosam im Augenwinkel.
Sieh nicht wieder hin, Lina.
Noch ein Knistern. Marie öffnet einen weiteren Riegel und hat ihn komplett im Mund, bevor ich von meinem überhaupt etwas abgebissen habe.
»In meiner Firma suchen sie gerade Leute fürs Backoffice«, sagt sie mit vollem Mund und spielt mit dem Silberpapier in der Plastikfolie.
Nur ganz vorsichtig wagt sie einen Blick hoch zu mir, konzentriert sich dann wieder auf das Papier.
Sie muss nichts weiter sagen, ich weiß, das haben unsere Mütter angeleiert.
Ich zwinge mich, von dem Kinderriegel abzubeißen. Mein Magen knurrt plötzlich.
»Nichts Wildes. Es geht hauptsächlich um Ablage und Unterstützung bei der Digitalisierung. Das Team ist ganz cool. Viele Studenten da.« Marie lächelt knapp.
»Hm«, mache ich und beiße nochmal ab.
Die Schokolade tut gut.
»Geregelte Zeiten, Gleitzeit. Wäre bestimmt lustig mit uns.« Jetzt lächelt sie richtig.
Ich sehe mich im Zimmer um. Suche nach einem Platz, der nicht mehr meiner ist.
Der Sitzsack ist mir zu anstrengend. Ich setze mich an den Schreibtisch. Dem Drehstuhl fehlt ein Rad, er kippt leicht nach hinten, als ich mich anlehne. Ich kralle mich an die Tischkante.
»Wir haben sogar funktionierende Stühle«, grinst Marie.
Damit entlockt sie mir ein sarkastisches Grinsen.
Kann wahrscheinlich nicht schaden, mal was anderes zu sehen und zu hören als meine Mutter. Auch wenn sie das hier initiiert hat.
Ablenkung fühlt sich plötzlich nicht mehr falsch an.
Ein Raum, in dem ich nicht angestarrt werde – zumindest nicht von ihm.
»In Ordnung«, sage ich leise.
Marie quietscht erfreut auf: »Echt jetzt?«
Ich nicke.
Wahrscheinlich muss ich jetzt wirklich mal duschen.
Fünf Wochen später
Nachdenklich stehe ich vor dem großen Menü-Display im Starbucks in der Warteschlange. Marie und die zwei Mädels aus dem Büro sind schon am Tisch. Mein Handy vibriert.
Mein Herz klopft. Jedes Mal, wenn eine Benachrichtigung eingeht.
Und wie jedes Mal werde ich enttäuscht.
Aber ein bisschen weniger schlimm als sonst.
Mein erstes Gehalt ist auf dem Konto. Mehr als ich beim Kellnern verdient habe, für weniger Arbeitszeit. Ich erwische mich dabei, wie ich es in Konzerttickets umrechne.
Aber es gibt keine Tour.
Nichts, auf das ich hinarbeite.
Zum ersten Mal seit über einem Jahr kein Ziel.
Einfach nur Geld.
1.150 Euro.
Mein Finger liegt über dem Display meiner Sparkassen-App. Ich könnte Mama 300 Euro überweisen. Die monatliche Kostenbeteiligung, die sie nie bekommen hat von mir, weil ich immer alles für die Europa-Tour zurückgelegt hatte.
Für Endeve!. Für Sungui.
Für etwas, das es gerade nicht mehr gibt.
Aber was, wenn ich es für was Dringendes brauche?
Etwas, das ich noch nicht benennen kann.
Geld fühlt sich auf einmal sinnlos und unvorhersehbar gleichzeitig an.
Ich überweise meiner Mutter das Geld.
Dann trete ich vom Tresen weg. Die Barista sieht verdutzt zwischen mir und der aufrutschenden Person hin und her.
Ich gehe zu den anderen an den Tisch.
»Hast du nichts genommen?«, fragt Marie und rührt in ihrer Sahneschokosüßbombe mit Kaffee rum.
Sieht gut aus.
Ich schüttle den Kopf: »Ich mag nichts.«
Werkstudentin Eins und Werkstudentin Zwei unterhalten sich über die Wohnungssuche und welche absurden Vorstellungen sie haben. Sie daten beide ältere Männer. Viel älter. Meine Meinung dazu behalte ich für mich. Marie findet ihren Lifestyle cool. Soll jeder leben, wie es ihn glücklich macht.
Während sie kichern und Fotos anschauen, scrolle ich auf meinem Handy. Und entscheide mich, mir selbst auch etwas anzusehen. Etwas, das ich mir seit Wochen verwehrt habe.
Ich öffne Instagram.
Normalerweise sehe ich als Erstes einen Beitrag von Endeve! Und verschiedene aktive Stories der Member. Aber die einzige aktive Story ist von Marie und ihrem Kaffee über einem Beitrag von einer Künstlerin, die Akustikgitarren verziert.
Ich gehe in die Suchleiste. Aber Endeve! kommen nicht als Ergebnis. Nur unzählige Fanseiten ohne blauen Haken. Zwei sogar mit, aber es ist nicht der offizielle Band Account.
Mir wird plötzlich ganz heiß.
Mein Herz schlägt schneller.
Das muss ein Bug sein.
Ich suche nach Sungui.
Nichts.
Fanseiten.
Kein blauer Haken.
Ich gebe seinen Namen ein.
Ganz genau.
rap_hard_n_deep
Kein Ergebnis.
Mir wird schlecht.
»Marie«, flüstere ich. »Gib mir dein Handy.«
Meine Stimme klingt belegt.
»Was?« Sie löst sich von der Unterhaltung und mustert mich von der Seite.
Ich zeige ihr meine Suche.
Sie öffnet Instagram.
Endeve! auf der Startseite. Sie haben einen Award gewonnen.
Ich schlucke. Oder versuche es. Mein Hals ist ganz trocken.
Sie tippt: S-u-n
Sein Account erscheint, bevor sie fertig ist. Mit blauem Haken. Und einem neuen Profilbild.
Mein Magen rebelliert.
Ihr Blick gleitet zu mir, ohne den Kopf zu drehen. Dann starrt sie wieder auf ihr Handy. Sie tippt auf Sungui, sein Profil öffnet sich.
Ich sehe mehrere neue Beiträge, seitdem ich das letzte Mal darauf war. Zuletzt ein nachdenklich wirkender Handy-Fotoshoot bei Sonnenuntergang, irgendwo in Seoul. Wahrscheinlich von einem der Member fotografiert.
In der Caption steht:
»Sometimes life gives you lemons. But it’s only lemons.«
Die Worte verschwimmen.
Magensäure in der Speiseröhre. Ich stehe auf und laufe zu den Toiletten.
Das Handy liegt offen in meiner Hand.
Neben mir läuft die Klospülung nach, obwohl ich schon seit ein paar Minuten auf den Fliesen in der Kabine sitze.
Es riecht nach Urin und Putzmittel.
Mit den Ärmeln meines Pullis wische ich die Tränen weg.
Nicht vom Übergeben. Nicht mehr.
Hör auf, es hinauszuzögern. Du wirst der Wahrheit ins Auge blicken müssen, Lina.
Ich öffne KakaoTalk.
Sungui ist der Einzige in meiner Kontaktliste.
Obwohl sich alles in mir sträubt, tippe ich den Chat an.
»Was ist los?«
Was Besseres fällt mir nicht ein.
Senden.
Vor meiner Nachricht erscheint die kleine 1. Das kenne ich schon. Sie steht da, bis der Empfänger die Nachricht liest.
Also wurde sie zugestellt.
Ich bin nicht blockiert.
Da nicht.
Alles wie immer.
Ich warte. Wische mir die Tränen weg.
Die 1 bleibt stehen.
Lies sie, Sungui.
Vielleicht hat er gerade keine Zeit. Vielleicht kann er die Nachrichten jetzt nicht abrufen.
Er hat einen Award gewonnen.
Als würde das irgendetwas erklären.
Ich starre so lange auf die 1, bis sie vor meinen Augen verschwimmt.
Dann vibriert das Handy in meiner Hand. Ich blinzle erschrocken.
Aber es ist nur eine Whatsapp von Marie.
»Alles okay? Du bist schon eine Weile da drin. Wir müssen zurück, die Pause ist um.«
Nein, nichts ist okay.
Gar nichts.
Ich wurde blockiert.
Ausradiert aus seinem Leben.
Weg.
Und alles, was ich noch habe, ist eine graue 1.
Vielleicht war das hier nie eine Pause.
Vielleicht war es das Ende. Nur ohne Abschied.
Und wenn er mich blockiert, dann kann ich nicht länger so tun, als wäre Warten eine Option.
Jetzt gibt es kein Zurück.
42 Alben später steht ihre Chance fest.
Jetzt fehlen nur noch neunzig Sekunden mit ihm.
Komm mit hinter die Kulissen.
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