Blutlinie (Leseprobe)

Dieser Roman ist noch nicht fertig gestellt. Aktuell endet die Lichtbringer Vampire-Reihe mit Buch 3 (Auroras Geheimnis).

»Wo ist sie?«, faucht Duncan durch die Fangzähne.

Seine braunen Augen leuchten wie glühende Kohlen. Er hat keine Ahnung, dass ich es nicht weiß. Wir waren auf der gleichen Fährte. Doch keiner von uns ahnt, wo oder wann sie auftauchen wird. Ich spüre die Gegenwart der Auserwählten. Eine verunsicherte Aura, leuchtend wie ein Martinsfeuer, nähert sich unbedacht. Keven und Ruben sind an zwei weiteren Hot Spots unterwegs. Ein Informant hat uns Hinweise auf drei Lichtbringerfrauen gegeben, die als Auserwählte in Frage kommen. Ich weiß sie ist es, noch bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekomme.

»Wo auch immer sie ist – keiner von euch Dunkelvampiren wird sie in die Finger bekommen!«, knurre ich zurück.

Meine Finger umklammern den Griff meines Schwertes, bereit es einzusetzen. Er wäre nicht der erste Dunkelvampir, den ich mit meiner Klinge vernichte und er wird nicht der Letzte sein. Duncan springt mir ohne Vorwarnung entgegen. Er hat jahrelang trainiert, seinen Gedanken im Kampf auszuschalten. Das erschwert mir, seinen nächsten Schritt vorauszusehen. Normalerweise kein Problem, doch als ich mein Gewicht auf den rechten Fuß verlagere, um ihn mit einem Schwerthieb abzuwehren, rutsche ich auf einem gefrorenem Stück Schnee aus. Mein Fuß knickt leicht weg und ich gerate ins Straucheln. In der gleichen Sekunde wirft Duncan mich zu Boden und für einen Atemzug fürchtete ich, es ist um mich geschehen. Ich höre mein Schwert einige Meter weiter mit einem dumpfen Geräusch auf dem schneebedeckten Boden aufkommen. Duncans Gestank erreicht meine Nase noch vor seinem Schlag. Ich kann förmlich den Schmerz meines zertrümmerten Nasenbeins spüren, als sein Hieb unerwartet ins Leere geht. Ich sehe Blut spritzen. Es kommt direkt aus seinem Herzen und mir wird klar, dass ihn hinterrücks jemand gepfählt hat. Duncans leuchtende Augen erlischen, während er wie ein Sack Mehl seitlich von meinem Körper herunter plumpst.

Den Mann, der ihn hinterrücks erstochen hat, kenne ich nicht. Für einen Moment glaube ich die Farbe eines Lichtbringers um ihn pulsieren zu sehen, doch dann erkenne ich das dunkelblaue Flackern um seinen Körper. Die Aura der Dunkelvampire verrät wer er wirklich ist. Warum tötet er einen seiner eigenen Männer?

»Duncan?!« Eine tiefe Stimme durchbricht die Stille der Nacht.

Ich nutze den Bruchteil einer Sekunde, die der Vampir abgelenkt ist, um mich mit übernatürlicher Geschwindigkeit seitlich wegzurollen, mein Schwert aufzulesen und in die Höhe zu steigen. Während ich empor fliege, beobachte ich ihn. Er zieht sein Schwert aus Duncans Körper und wischt das Blut an dessen Kleidung ab.

Schneegestöber wirbelt mir dicke Flocken in die Augen, doch ich behalte ihn im Blickfeld, während ich mich auf dem Dach eines Hauses in der Nähe niederlasse. Ich klemme mich seitlich an ein Fenster im Dachgiebel.

Der Vampir entflammt Duncans Körper mit Kraft seines Willens. Während der Dunkelvampir verbrennt, steht der mir Unbekannte daneben und betrachtet das Geschehen. Er scheint nicht darauf aus, nach mir Ausschau zu halten. Was ich allerdings beunruhigender finde, ist dass ich keinen seiner Gedanken empfange. Der getötete Dunkelvampir steht lichterloh in schwarzgrünen Flammen und die Verbrennung gibt ein lautes hölzernes Knistern von sich. Dicker schwarzer Rauch zieht in den Himmel hinauf und verschmilzt mit der Dunkelheit der Nacht. Ein letztes, sehr lautes Knacken ertönt, bevor das Feuer den Vernichteten vollkommen verschlingt. Zwischen den Schneeflocken rieseln schwarz glimmernde Partikel auf den Boden hinab. An der Stelle, wo zuvor noch Duncan gelegen hat, ist nichts mehr von ihm übrig. Nur der Staub, der unter dem Schneegestöber vergraben wird. Ich sehe Symars Schatten, bevor er zu Fuß um die Häuserecke gebogen kommt. Hier oben sieht er mich nicht.

»Was ist passiert?«, fragt der Dunkelvampir seinen Mann.

Der bestialische Geruch des eingeäscherten Dunkelvampirs liegt noch in der Luft.

»Lichtbringer«, antwortet Duncans Mörder leise und blickt in die Ferne.

Symar folgt seinem Blick, in die entgegengesetzte Richtung meines Versteckes auf dem Dach. Ich spüre die Lichtbringerin aus der anderen Richtung näher kommen.

»Den kaufen wir uns!«, schnaubt Symar und fliegt los.

Der Dunkelvampir folgt ihm und ohne sich noch einmal nach mir umzublicken, fliegen sie von mir weg.

Sofort steige ich von dem Dach in die Höhe und halte Ausschau nach dem Mädchen. Sie kann nicht mehr weit sein. Dann höre ich sie auch schon. Sie weint. Ihre Aura flimmert strahlend weiß um ihren zitternden Körper. Wie Glühwürmchen leuchten die goldenen Pünktchen darin und umspielen tanzend ihren Leib. Einen Moment bin ich atemlos, solch einen intensiven Lichtglanz bei einem weiblichen Wesen zu sehen.

Langsam bewege ich mich in der Luft etwas näher an sie heran. Sie ist zu dem kleinen Bahnhof gegangen. Es ist zwei Uhr Nachts, in diesem Kaff fährt vor morgen früh kein Zug mehr. Mein Auto steht nur ein paar Meter entfernt auf dem Parkplatz. Nun muss ich sie nur noch davon überzeugen, mit mir mitzukommen. Doch so offensichtlich wie ihre Aura flackert, bin ich sicher, dass sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann. Ich könnte es also mit Manipulation versuchen, sollte sie sich zieren. Das dürfte auch gegen dieses Geheul helfen. Ich bin noch nicht mal in ihrer Nähe und es klingelt mir schon in den Ohren. Warum weint sie nur so?

Ich will in den Sinkflug gehen, doch ich spüre noch irgendwo einen dieser verdammten Dunkelvampire. Mein Schwert ist bereit. Dieses Mal werde ich ihn nicht verfehlen, egal welcher von ihnen es ist. Dann sehe ich ihn. Zunächst seine dunkelblaue Aura, kurz darauf erkenne ich, mit wem ich es zu tun habe. Markus. Ein unkontrollierter Spinner. Viel zu oft schon, ist er mir davon gekommen.

Das Mädchen schreit unten auf der Erde, als sie ihn näherkommen sieht. Sie beginnt zu rennen und kommt ein paar Meter weit. Ich sehe Markus hämisches Grinsen bis hier oben.

»Heute bist du fällig, Kumpel«, beschließe ich und gehe in den Sinkflug.

Markus hat einen Moment abgewartet, bevor er das Mädchen von hinten anspringt. Sie ist vornüber auf den Boden gefallen und hat sich auf dem Pflasterstein der schneegeräumten Straße die Hände aufgeschürft. Ich rieche ihr Blut. Es ist anders, als das Blut meiner menschlichen Wirtin. Ein einladender Geruch.

Der Meister hat zwar gesagt, er will sie unversehrt haben… aber es merkt wohl niemand, wenn ich mir einen kleinen Schluck genehmige. Sie riecht so gut!‹, höre ich seine Gedanken.

Er sitzt auf ihrem Rücken, nagelt ihren Körper mit seinem Gewicht unter sich fest und streicht ihr schwarzes Haar zurück. Sie hält die Luft an. Das reicht! Auch wenn mir ihr Gewinsel auf den Geist geht, muss ich jetzt dazwischen gehen. Immerhin ist sie die Auserwählte.

Markus ist so sehr mit der Vorfreude seiner Mahlzeit beschäftigt, dass ich unbemerkt hinter ihm zu Boden gehen kann. Gerade will er seine Fänge in den Hals des Mädchens schlagen, da packe ich ihn bei den Armen und schubse ihn von ihr. Damit das Ganze etwas effektvoller ist, lasse ich ihn auf der Motorhaube eines parkenden Wagens landen. Die Auserwählte richtet sich benommen vom Boden auf und starrt Markus erschrocken hinterher, dann heftet sich ihr Blick auf mich.

»Geh!«, zische ich ihr zu.

Bei dem Kampf, der nun folgt, will ich sie nicht im Weg haben. Schließlich habe ich den Auftrag sie in Sicherheit zu bringen und nicht, sie aufspießen zu lassen.

Markus ist noch mit sich selbst beschäftigt, ein kehliges Knurren entfährt ihm. Seine Wut über das unterbrochene Blutabzapfen ist greifbar.

Das Mädchen hockt noch immer verängstigt auf dem Boden. Ein brauner Schleier der Angst hat die Trauer ihrer Aura eingehüllt.

Ich höre ihre Gedanken. Ihr ist klar, dass Markus sie soeben hatte beißen wollen. Der Gedanke an Vampire formt sich unwirklich in ihrem Geist zusammen und kämpft mit dem logischen Teil ihres Gehirns.

»Geh, verdammt noch mal!«, fauche ich eindringlich.

Endlich rappelt sie sich auf. Der Geruch ihres duftenden Blutes zieht noch etwas stärker durch die Luft, als sie losrennt. Markus stürzt sich brüllend auf mich. Gedanken prasseln auf mich ein, Wut und Frust darüber, dass ich ihm sein Spielzeug entrissen habe. Die Gedanken daran, wie er mich bekämpfen will, ebenfalls.

Duncan hatte sein Handwerk besser beherrscht. Trotzdem ist er jetzt tot. So tot wie Markus es gleich sein wird. Ich weiche ihm schnell aus und schwinge mein Schwert, um ihm den Kopf abzutrennen. Doch Markus ist schnell. Außerdem im Besitz einer Waffe, die er gewillt ist einzusetzen. Ich bin zwar flink, doch beim Einsatz von Schusswaffen muss selbst ich tierisch aufpassen, nicht niedergestreckt zu werden. Ich fliege in die Höhe und schlängle mich um einen Baum herum, als auch schon der erste Schuss losgeht. Ich höre, dass der Baum getroffen wird und noch während Markus sich ärgert, werfe ich mein Schwert. Es trifft seine Hand und durchtrennt sie wie geplant. Markus schreit auf, während die Hand mit der Pistole in den Schnee fällt. Schockiert starrt er seiner abgetrennten Hand hinterher. Ich nutze seinen Schock und mache ihn mit Kraft meines Willens bewegungsunfähig. Das funktioniert nicht bei jedem Vampir, erst recht nicht bei den Älteren. Er ist jedoch gerade sehr geschwächt und für den Moment wird es ihn aufhalten. Schnell entferne ich die Waffe aus seiner abgetrennten Hand und stecke sie in meinen hinteren Hosenbund. Ich sehe die Auserwählte aus dem Augenwinkel. Sie ist die Straße entlang gelaufen, auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Der Geruch ihrer Angst liegt noch in der Luft. Jetzt steht sie ganz verloren auf der Stelle und starrt in unsere Richtung. Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass ihre schwache menschliche Sehkraft uns auf diese Distanz im Dunkeln ausmachen kann. Markus‘ blutender Armstumpf riecht bitter und vermodert. Ich greife seine Hand und hebe sie vom Boden auf. Damit er abgelenkt ist, sobald meine telekinetischen Fesseln von ihm abfallen, werfe ich seine Hand über das Dach der kleinen Bahnhofshalle. Sie kommt irgendwo auf einem der zwei Gleise des Bahnhofes auf.

»Lass mich gehen und ich lasse dich leben«, verspreche ich ihm.

Es ist mir wichtiger die Lichtbringerin einzusammeln, als mich um ihn zu kümmern. Wenn er schlau ist, wird er mir nicht folgen.

Ein paar Sekunden später sitze ich am Steuer meines Wagens. Mit Vollgas rase ich auf die Lichtbringerin zu, durch den Rückspiegel fixiere ich den Aufenthaltsort des Dunkelvampirs hinter mir. Während ich mit einer Vollbremsung direkt vor ihr meinen Wagen zum Stehen bringe, spüre ich, dass er wieder bei Verstand ist. Er beginnt gegen meine mentalen Fesseln anzukämpfen, will seiner Hand hinterher und dann mir. Das Mädchen steht wie angewurzelt auf der Straße, eingehüllt in das gleißende Licht der Autoscheinwerfer. Ihre langen schwarzen Haare werden von einer Windböe erfasst und wirbeln umher, während sie vom Schnee weiß werden.

»Steig ein!«, fordere ich sie auf und weiß im gleichen Moment, dass es zwecklos ist.

Sie ist völlig verängstigt und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich lasse den Motor laufen und verlasse den Wagen. Ich bemerke, dass Markus sich aus der Bewegungsunfähigkeit befreit und im Eiltempo auf das Bahnhofsgelände fliegt.

»Steig ein, er wird gleich hier sein!«, wiederhole ich nachdrücklich und gehe zu ihr.

Sie starrt mich ängstlich an. Ich bin aufgebracht über ihre Unfähigkeit. Die Auserwählte hat keine Ahnung von ihren Kräften und stinkt förmlich vor Angst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich schwören sie ist ein gewöhnlicher Mensch. Doch ich war mir bei etwas in meinem langen Leben noch nie so sicher, wie jetzt. Sie ist diejenige, die wir suchen. Die auch die Dunkelvampire suchen. Etwas mehr Kooperation wäre nur gerade sehr hilfreich. Ich berühre ihre Schulter, um sie aus ihrer Angststarre zu erlösen. Ich möchte sie einfach etwas beruhigen. Im selben Augenblick bereue ich es. Unmengen an Gefühlen strömen auf mich ein. Normalerweise passiert das nicht, wenn ich jemanden die Hand auflege. Sie hat Fürchterliches erlebt. Sofort blocke ich alles ab und mit einem Blick in ihre Augen sehe ich, dass meine Berührung sie in die Gegenwart zurück geholt hat. Ich schiebe sie zum Auto und öffne ihr die Beifahrertür.

»Steig ein, wenn du leben willst!«, beordere ich.

Sie lässt sich wehrlos und erschöpft auf den Beifahrersitz gleiten. Ich schließe die Tür und bewege mich mit übernatürlicher Geschwindigkeit zur Fahrerseite. Noch während ich nach dem Türgriff fasse, spüre ich, dass er kommt. Wie ein tonnenschwerer Amboss landet er auf dem Autodach. In mir heult etwas auf, als ich an die Beule denke, die er meinem geliebten Mercury Cugar angetan hat. In meinem Auto heult ebenfalls etwas auf – das Mädchen. Eine Reihe ängstlicher Gedanken überfluten mich aus ihrer Richtung, während ich meinen Mantel auf beiden Seiten zurückwerfe, um meine Schwerter zu ziehen. Obwohl Markus seine abgetrennte Hand gefunden und wieder aufgesteckt hat, dürfte sie noch nicht so festgewachsen sein, dass er damit kämpfen kann. Mein Verdacht bestätigt sich, als er mit der linken Hand sein Schwert führt. Es fällt ihm eindeutig schwer und ich wehre seinen Hieb mit einem hämischen Lachen ab, das ich mir nicht verkneifen kann. Seine Bemühungen sind verschwendete Energie. Wir wissen beide, dass ich ihm überlegen bin. Das Aufeinandertreffen unserer beider Klingen scheppert hallend durch die Nacht. Die Straßen sind menschenleer, nahe des Bahnhofes befinden sich nur Geschäfte, die längst geschlossen sind, und verlassene Bürogebäude.

»Wenn du nicht so ein großes Ego hättest, würdest du länger leben!«, erkläre ich ihm, wobei ich nahezu im Schneckentempo einen weiteren Angriff von ihm abwehre.

»Fick dich!«, knurrt er mit funkelnden Augen.

Das reicht mir. Ich konnte es noch nie leiden, wenn sich jemand in meiner Gegenwart der Gossensprache bemächtigt. Schwungvoll stoße ich mich vom Boden ab und ihm entgegen. Mit Schmackes schmettere ich ihn mit meinem Körper vom Dach meines Wagens und prügele jede einzelne Beule, die er dem Dach zugefügt hat, in seine hässliche Visage. Er taumelt rückwärts durch die Luft, genau in die Richtung, in die ich ihn mit meinen Schlägen dirigiere. Weg von der vermeintlich Auserwählten. Wut ballt sich in mir zu einer unschlagbaren Waffe, die ich nur allzu gern an ihm auslasse, während die ängstlichen Gedankenfetzen des Schneewittchens auf meinem Beifahrersitz mir hinterher hauchen. Er verliert sein Schwert, während ich ihn am Kragen packe und auf die Straße herunterdrücke.

»Noch irgendwelche letzten Worte?«, frage ich ihn und blicke ihn aufmerksam an.

Ich kauere mich bequem auf seinem Oberkörper und labe mich am Anblick seines blutbesudelten Gesichts. Markus schweigt, denn ihm schwant, dass es kein Entkommen mehr gibt. Er hätte weglaufen sollen, als ich ihm die Möglichkeit dazu gegeben habe, das wird ihm nun klar. Wehrlos gibt er sich mir hin. Ich hebe mein Schwert und stoße die Spitze in sein Herz. Umgehend erstarrt der Dunkelvampir, mit leeren Blick gen Himmel. Ich erhebe mich und weiche ein Stück zurück, um ihn zu entflammen. Mein Säbel ragt aus seinem Körper empor, wie eine Antenne, während er beginnt wie Zunder zu brennen. Ein erneutes übernatürliches Schauspiel bietet sich. Innerhalb von Sekunden bleibt von dem Vampir nur noch ein Häufchen Asche zurück, das mit einer Schneeböe verweht wird. Mein Schwert kippt um und bevor es auf dem Boden aufkommt, halte ich meine Hand darunter, um es aufzufangen.

Das Atmen meiner Begleiterin höre ich bis hier draußen. Sie hyperventiliert nahezu im Auto. Mit einem Blick über meine Schulter erhasche ich ihre nervösen Augen im Außenspiegel der Tür. In ihrem Geist spielen Furcht und Ungläubigkeit Fangen. Erst als die Asche des Vernichteten in alle Winde verweht ist, gebe ich den Blick auf den Ort des Geschehens frei, indem ich mich aus ihrem Blickfeld bewege. Innerhalb eines Atemzuges bin ich an der Fahrertür und schwinge mich zurück auf meinen Sitz. Sie starrt mich an, auch wenn ein Deut Erleichterung aus ihrer Richtung zu spüren ist. Immerhin hätte sich auch der Dunkelvampir an meiner statt hier hinsetzen können.

Ohne darauf zu warten, dass sie ihre Fassung wiederfindet, lasse ich den Motor aufheulen und drücke das Gaspedal durch. Sie wird neben mir durch die Beschleunigung in den Sitz gedrückt und blickt drein, wie ein verschrecktes Reh. Wenn ich ihr Leben nicht gerade schon gerettet hätte, würde spätestens dieser Anblick den Beschützer-Instinkt in mir auslösen. Glücklicherweise bin ich weit davon entfernt, mich ernsthaft für Frauen zu interessieren – schon gar nicht für so blutjunge Dinger, wie sie eines ist. Das einzige, was mich an einem Weib erregt, ist ihr Blut. Ich bin aus einem anderen Grund hier – mein Herr hat mich geschickt, um sie zu ihm zu bringen. Ich freue mich schon auf sein Gesicht, wenn er merkt, dass sie so ahnungslos ist, wie ein Vorschulkind.

»Du hast ihn getötet«, wispert sie auf einmal, den Blick noch immer starr auf mich gerichtet.

Prima, sie hat ihre Stimme wiedergefunden. Anstatt mir zu danken, macht sie mir Vorwürfe. Das fängt ja schon gut an mit uns beiden. Jetzt freue ich mich noch mehr darauf, sie Iltras vorzustellen. Unberührt biege ich scharf links in eine Seitenstraße ab. Sie fällt mir fast in die Arme, prallt dann aber zurück in ihren Sitz, während ich uns lässig durch die Kurve lenke.

Ihr schneller, beinahe keuchender Atem nervt mich etwas. Alles an ihr erscheint mir irritierend. Sie frisst mich mit ihrem fragenden Blick nahezu auf, bis ich es nicht länger ertragen kann und ihr mein Gesicht zuwende. An ihrer erschrockenen Miene erkenne ich, dass meine Augen noch immer transformiert sind. Mein kampfbereiter Körper hat all seine Sinne geschärft, darunter besonders meine Augen. Dies macht sich äußerlich bemerkbar, indem sie aufleuchten. Für einen Menschen erscheint das unnatürlich und monsterhaft, für mich ist es Alltag. Normalerweise achte ich darauf keinem Menschen einen Blick auf mein vampirisches Naturell preiszugeben. Da sich ihr Herzschlag vor Aufregung verdoppelt, erinnere ich mich daran, weshalb ich es stets vermeide.

»Hab keine Angst«, fühle ich mich gezwungen zu sagen und drehe mein Gesicht von ihr weg.

Es missfällt mir, dass sie mich so anstarrt und das Monster in mir sieht, das ich bin. Ich verberge meine Augen hinter langen Ponysträhnen, die mir bis unter die Wangenknochen reichen und reibe mit der Handinnenfläche über meinen drei Tage Bart. Eine Angewohnheit, die ich nicht ablegen kann, sobald ich angespannt bin. Angestrengt starre ich auf die Straße, während ich ihre inneren Mutmaßungen über mich höre. Sie weiß, dass sie es mit Übernatürlichen zu tun hat, auch wenn es ihr unbegreiflich erscheint. Während ich ihren Gedanken lausche, breitet sich der Geruch von Zimt und Flieder im Innenraum des Wagens aus. Eine merkwürdige Mischung, die trotzdem nicht unangenehm ist. Ich versuche, mich auf etwas anders zu konzentrieren und bemerke, dass der Geruch ihres Blutes verflogen ist. Ihre Wunde muss inzwischen geheilt sein. Noch ein Indiz dafür, wie mächtig ihre Fähigkeiten sind.

»Wo bringen Sie mich hin?«, fragt sie mit zitternder Stimme.

Ihr Wispern ist kaum zu hören unter dem Röhren des Motors. Ich antworte nicht gleich, denn ich habe meine Anweisungen. Eine davon lautet kein Kaffeekränzchen mit der Auserwählten zu halten, sondern sie direkt meinem Schöpfer zu übergeben. Sein Wille ist Gesetz. Er wird ihr alles erklären, was sie wissen muss. Auch wenn er sich wundern wird, wie groß die Erklärungsnot ist. Wenn dieses Mädchen bei Lichtbringern aufgewachsen ist, fresse ich einen Besen.

Wieder denkt sie verängstigt an den brennenden Dunkelvampir, hat das Bild vor Augen, wie die Flammen seinen Leib verschlangen. Ich bin diesen Anblick so sehr gewöhnt, dass ich manchmal vergesse, wie grausam das Entflammen auf einen normalen Menschen wirken muss. Ihre Gedanken gehen hin und her, sie empfindet Mitleid für den Mann, der sie kaltblütig aussaugen wollte. Wenn ich ihn nicht getötet hätte, hätte es Symar getan – dafür, dass er die Auserwählte angezapft hat. Ich habe fast Angst von ihrer unwissenden Panik angesteckt zu werden.

»Er hat das Feuer nicht gespürt«, sage ich ruhig, um ihren Gedanken Einhalt zu gebieten.

»Was?«

Kann sie nicht einfach nicken und schweigen? Auf eine Unterhaltung bin ich nicht vorbereitet. Ich schalte zehn Dunkelvampire auf einen Schlag aus, aber eine beunruhigte Frau zu trösten, darin habe ich keine Übung.

Ihr Blick brennt wie Feuer auf meiner Haut und sie schafft es tatsächlich, dass ich mich unwohl fühle.

»Er war bereits tot, als er entflammt ist«, erkläre ich ihr nun, damit sie um Gottes Willen endlich aufhört mich anzustarren.

Natürlich tut sie das nicht. Das wäre ja auch zu einfach. Ich sehe sie erneut an, diesmal weiß ich, dass meine Augen wieder zu ihrem normalen Zustand zurückgefunden haben. Das gibt mir Gelegenheit, ihr Gesicht näher zu betrachten, ohne mir wie ein Aussätziger vorzukommen. Es sind ihre außergewöhnlichen Augen, die mir nun auffallen. Wie ein Halbedelstein glänzen sie mir im spärlichen Laternenlicht türkis entgegen. Ich beschließe, sie nicht zu lang zu betrachten und fixiere meine Aufmerksamkeit auf den Sicherheitsgurt. Es kostet mich kaum Mühe ihn mit Kraft meiner Gedanken in Bewegung zu setzen. Sie erschrickt und wendet endlich ihren Blick von mir, als der Sichereitsgurt sich um ihren Körper legt und mit einem Klick einrastet.

Um ihr zu demonstrieren, dass es sicherer für sie ist angeschnallt zu bleiben, nehme ich die nächste Kurve besonders scharf. Sie wird gegen den Gurt gedrückt und wieder zurück in den Sitz. Ich beschließe, dass ich meinen Blick besser auf der Straße halte und frage gegen die Windschutzscheibe gerichtet: »Weißt du, warum der Typ hinter dir her war?«

Sofort schnellt ihre Hand nach oben, an ihren Hals. Sie betastet die Stelle, die er anvisiert hatte. Als sie nichts finden kann, schüttelt sie den Kopf, obwohl sie ein Verdacht beschleicht.

»Da sind noch andere. Das was der mit dir machen wollte, ist gar nichts. Du bist jetzt in Sicherheit, dir wird nichts geschehen.« Ich kann mich nicht bremsen, ich habe den Drang ihr das zu sagen. Ich weiß auch nicht, warum mir so wichtig ist, dass sie mich nicht für ein Ungeheuer hält. Zwanghaft versuche ich nicht darüber nachzudenken und reibe wieder meine Bartstoppeln, während wir im hohen Tempo aus der Stadt fahren.

»Wer sind Sie?«, wispert die Auserwählte ängstlich.

Ihre Unwissenheit lässt sie unschuldig und zart wirken.

»Wir sind die Guten«, entgegne ich knapp und strecke die Hand nach ihr aus.

Das Hin und Her ihrer Eindrücke lenkt mich zu sehr ab. Ihre Angst liegt schwer in der Luft, ich will ihr nur etwas Erleichterung verschaffen. Sie zuckt ängstlich vor meiner Berührung zurück, dennoch findet meine Hand ihren Weg zu ihrem angespannten Arm. Ich nehme die Emotionen von ihr. Eine beruhigende Gabe, die geübte Lichtbringer beherrschen. Vielleicht habe ich meine Kraft etwas übertrieben, denn jetzt sitzt sie tiefenentspannt neben mir und betrachtet die dunkle Straße vor uns. Sie ist erstaunt über die plötzliche Gleichgültigkeit, die sich in ihr ausbreitet. Ich finde endlich Ruhe vor diesem Wirrwarr in ihrem Kopf.

»Was wollte der Mann von mir?«, fragt sie nach einer Weile monoton.

Okay, vielleicht habe ich es wirklich übertrieben, es war nicht meine Absicht sie vollkommen abzustumpfen. Dieses Mädchen bringt mich völlig aus dem Konzept. Gott sei Dank kann ich sie gleich bei Iltras abliefern und bin sie los.

»Du bist die Auserwählte – jeder will etwas von dir«, erkläre ich ihr.

»Auserwählte?«, wiederholt sie ruhig.

»Ich bringe dich zum Anführer des Lichtbringer-Zirkels. Er wird dir alles erklären. Wir sind gleich da.« Ich biege in den schmalen Feldweg, außerhalb der Stadt.

Mit zu hoher Geschwindigkeit brettere ich über den von dunklen Bäumen gesäumten Weg. Die Scheibenwischer schieben sich auf Hochtouren von links nach rechts, um dem Schneegestöber Herr zu werden. Ich drossel die Geschwindigkeit nicht, auch wenn man die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann – den Weg zum Anwesen des Zirkels kenne ich wie meine Westentasche. Souverän lenke ich den Wagen durch die engen Kurven des endlos scheinenden Pfads. Die Ruhe im Innenraum des Autos fällt mir auf und ich sehe zu der Auserwählten rüber, die benommen auf die Windschutzscheibe stiert.

Was hat er mit mir gemacht?‹, höre ich sie überlegen.

Ein schlechtes Gewissen überkommt mich, sie von ihren Gedanken und Gefühlen befreit zu haben. Auch wenn diese von Angst geprägt waren, scheint ihr die Klarheit im Geist doch lieber zu sein, als eine furchtlose Fahrt in ihr neues Leben.

Wir erreichen das Ziel, vor uns taucht das alte Herrenhaus auf, die hohen eisernen Tore öffnen sich automatisch und erlauben uns das Grundstück zu befahren. Im Haus flackert gelber Lichtschein durch einige Fenster, was bei dieser Kälte nahezu einladend erscheint. Ich fahre an den großen Rasenflächen mit den sauber geschnittenen Hecken und den raffiniert angelegten Blumenbeeten vorbei, die selbst zu dieser Jahreszeit gepflegt erscheinen. Die Schneeschicht hat sich wie eine Decke auf die weitläufige Umgebung gelegt. Ich lassen den Wagen über den breiten Kiesweg ausrollen, bis wir vor dem beleuchteten Eingangsbereich zum stehen kommen.

Ich steige aus dem Wagen und gehe zur Beifahrertür, um sie zu öffnen. Noch immer von mir unbekannten Gewissensbissen geplagt, beschließe ich, ihr die Emotionen zurückzugeben. Ich halte ihr die Hand hin, um ihr aus dem Sitz zu helfen. Als sie ihre warmen Finger in meine Handfläche legt, lasse ich zu, dass ihre Gefühle und Gedanken zu ihr zurückkehren. Sie zuckt auf und ich ziehe sie gleichzeitig hoch, um mich alsbald von ihr zurückzuziehen. Ich will die Berührung zwischen uns nicht länger als nötig hinziehen. Kälte erfasst sie, ihr Körper beginnt zu zittern vor Angst und Verwirrung. Dadurch fühle ich mich nicht gerade besser, aber ich glaube in ihrem starrenden Blick einen Hauch Dankbarkeit zu sehen.

Ich schließe die Beifahrertür und bedeute ihr, mir zu folgen. Wie ich es gewohnt bin, bewege ich mich in äußerst hoher Geschwindigkeit auf die Eingangspforte zu und bringe somit binnen einer Sekunde mehrere Meter Abstand zwischen uns. Das war nicht meine Absicht, doch erst jetzt wird mir klar, dass sie sich nicht in übernatürlicher Geschwindigkeit fortbewegen kann und wie surreal es auf sie wirken muss. Ungläubig starrt sie mir hinterher.

»Wo sind wir hier? Was ist hier los?« Sie verschränkt die Arme, wie ein beleidigtes Kind.

Ich unterdrücke einen genervten Seufzer, während sie genauso genervt darüber nachdenkt, wieso ich annehme, dass sie mir folgen würde. Trotzdem versuche ich es auf die diplomatische Art und glätte meine Gesichtszüge, bevor ich mich zu ihr umdrehe.

»Wir sind an einem sicheren Ort. Komm jetzt!« Bestimmend und beruhigend zugleich versuche ich, auf sie einzuwirken.

Anstatt sich endlich ihrem Schicksal zu beugen, beginnt sie hektisch zu atmen und bricht beinahe in Tränen aus. Wie ein Häufchen Elend steht sie da und sieht sich um. Ich glaube das einfach nicht. Es kann doch nicht so schwer sein jemanden zu vertrauen, der einem gerade das Leben gerettet hat! Es fällt mir schwer, sie nicht anzubrüllen und mit Gewalt ins Haus zu ziehen. Wäre sie ein Mann, würde ich nicht lange fackeln.

»Ich hab Angst«, gesteht sie mir nun und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

Sie schließt die Augen und atmet tief durch. Ich weiß nicht warum, aber dieser verdammte Beschützerinstinkt drängt mich zu ihr hin. Für einen verrückten Augenblick habe ich das Bedürfnis sie in meine Arme zu schließen und ihr zu sagen, dass alles gut wird. Erst als ich direkt vor ihr stehe, einghüllt von ihrer Zimt- und Lavendelwolke, reiße ich mich am Riemen. Es ist nicht meine Aufgabe sie zu trösten und ihr Mut zuzusprechen.

Meine Aufgabe ist es, sie zu Iltras zu bringen. Ihre Lider fliegen auf, da sie meine Anwesenheit spürt. Wir blicken uns gegenseitig in die Augen. Türkise Edelsteine, umrahmt von einem schwarzen Wimpernkranz stehlen mir für einen Moment den Atem. Ich komme mir vor wie ein Idiot, weil ich von einer Sekunde auf die andere meine Meinung wieder ändere – jetzt will ich sie doch trösten. Ich hebe meine Hand, um ihre Wange zu berühren.

»Fürchte dich nicht, jetzt wird alles gut«, flüstere ich.

Sie weicht vor mir zurück: »Nicht!«

Meine Hand noch in der Luft, bereit sie zu berühren, erkläre ich: »Ich nehme dir den Schmerz.«

Entschlossen schüttelt sie den Kopf. Sie gibt sich lieber ihrer Angst hin, als ohne Emotionen und Gedanken zu sein. Die wenigsten Menschen würden diesen Weg wählen, deshalb beeindruckt es mich.

»Du würdest dich besser fühlen«, erkläre ich ihr vorsichtshalber.

»Meine Gefühle machen mich zu der, die ich bin«, antwortet sie überzeugt.

Sie reibt sich über die Augen und ich sehe, dass ihre Verletzungen verschwunden sind.

»Du hast dich geheilt«, stelle ich fest.

Mir ist klar, dass wir Lichtbringer die Fähigkeit der Handauflegung und Selbstheilung besitzen. Doch ein Lichtbringer, der sich so schnell selbst heilt, als wäre er ein Vampir, das ist mir bisher nicht untergekommen. Das Mädchen ist darüber weniger verwundert. Sie weicht meinem Blick aus und lässt ihre Hände hinter dem Rücken verschwinden.

»Komm«, wiederhole ich.

Endlich nickt sie einverstanden. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel und schiebe sie vorsichtshalber mit der Hand in ihrem Kreuz an, während sie mit mir zur Eingangstür schreitet.

Ende der Leseprobe

Lichtbringer Vampire: Blutlinie (Buch 4)

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